Presseschau

Basler Zeitung vom 17.10.2020

«Ich kann keine enttäuschten Spieler gebrauchen»

Vor dem Spiel gegen den FC Zürich am Sonntag blickt Ciriaco Sforza auf seine ersten sechs Wochen als FCB-Trainer zurück. Der 50-Jährige spricht über mangelnde Konzentration, fehlende Charaktere und die Arbeit an sich selbst.

Tilman Pauls

Es war eine sehr intensive Zeit für Ciriaco Sforza: nur zwei Wochen Vorbereitung - und dann sechs Pflichtspiele in zweieinhalb Wochen. In der zurückliegenden Länderspielpause konnte der Basler Trainer nun zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt ein paar ruhige Stunden geniessen.

Ciriaco Sforza, hatten Sie während der Länderspielpause mal einen ruhigen Moment?

Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich ganz abschalten konnte.

Wieso war das nicht möglich?

Als ich nach Basel gekommen bin, ist es gleich losgegangen. Von null auf hundert. Wir hatten keine richtige Vorbereitung, dann das erste Saisonspiel, vier Wochen lang alle drei Tage eine Partie. In Basel, Kroatien, Genf. Drei K.-o.-Spiele. Das ist in den letzten Tagen weggefallen, diese mentale Anspannung. Aber die langfristigen Gedanken bleiben.

Verbietet der Trainerberuf Tage, in denen man ganz abschaltet?

Es wäre in der aktuellen Situation einfach nicht richtig. Der Club und ich hatten ja auch einige Arbeit, was das Kader angeht. Aber es gab dann doch ein paar Stunden, wo meine Familie die erste Priorität war.

Auf Sie ist in kurzer Zeit viel eingeprasselt. Ein neuer Club, eine neue Mannschaft, eine neue Liga, eine neue Stadt, ein neues Umfeld

Ich liebe das. Alles ist neu, und man fängt einfach an zu arbeiten.

Hat Sie das nicht auch etwas überfordert?

Nein, das hat nichts mit Überforderung zu tun. Ich bin zum besten Club der Schweiz gekommen, was die Infrastruktur angeht. Das macht es einfacher. Natürlich konnte ich nicht jeden Spieler oder die Mitarbeitenden so intensiv kennen lernen, wie das bei normalen Umständen möglich gewesen wäre. Aber es wird mit jedem Tag besser.

Bei Ihrer Vorstellung haben Sie gesagt, dass Sie einen Verein erleben, bei dem alle in Ruhe arbeiten. Können Sie inzwischen nachvollziehen, warum diese Aussage bei allem, was zuletzt rund um den FCB passiert ist, irritierend gewirkt hat?

Das war meine ehrliche Antwort. Und auch jetzt: Ich konzentriere mich auf die Arbeit mit dem Team. Da habe ich eine gewisse Müdigkeit und Erschöpfung gespürt, sicher auch ein bisschen Enttäuschung nach dem verlorenen Cupfinal. Das Drumherum oder was vorher war, hat mich in meiner Arbeit jedenfalls nie beeinträchtigt.

Trotzdem: Die meisten Fragen bei Ihrer Präsentation richteten sich an Präsident Bernhard Burgener, nicht an Sie. Es gab diese kleine Episode mit dem Turbulenzenvideo. Das sind alles Nebenschauplätze, die man ja auch als Unruhe bezeichnen könnte.

Mich irritiert das nicht. Mein Fokus ist, mit dem FCB langfristig Erfolg zu haben.

Hätte Sie das vor ein paar Jahren auch kaltgelassen? Es heisst, sie hätten sich bei GC an solchen Dingen abgearbeitet, sensibel auf Kritik reagiert.

Ich weiss inzwischen, dass man sich von solchen Dingen nicht von seinem Weg abbringen lassen darf. Ich verliere die Orientierung nicht mehr. Und was rechts und links passiert, das kann ich nicht beeinflussen, das ist nicht mehr meine Sache.

War es schwer für Sie, an sich zu arbeiten?

Was heisst schon schwer? Wenn ich mich ändern will, liegt es an mir. Ich habe diese Dinge quasi mit mir selbst ausdiskutiert.

Das klingt so, als könnte sich jeder auf Knopfdruck ändern. Dabei ist doch gerade die Auseinandersetzung mit sich selbst so schwierig.

Du kannst nicht von heute auf morgen ein neuer Mensch sein, das geht nicht. Darum habe ich mir vor einigen Jahren eine Auszeit genommen und bin, Schritt für Schritt, in eine neue Richtung losgelaufen.

Wie viel haben Sie heute noch mit der Person gemeinsam, die Sie vor diesen Schritten waren?

Man kann schon sagen, dass es zwei unterschiedliche Personen sind. Damals und jetzt. Sie haben gerade angesprochen, wie ich vor ein paar Jahren noch auf Kritik reagiert habe. Das passiert mir heute nicht mehr.

Was passiert, wenn Sie heute kritisiert werden?

Früher hätte ich bei einem Konflikt Ja oder Nein gesagt, damit das Thema so schnell wie möglich aus der Welt geschafft ist. Aber mit einem Ja oder einem Nein ist in der Regel noch gar nichts geklärt. Wenn heute jemand etwas auszusetzen hat, setze ich mich mit ihm an einen Tisch, und wir reden darüber.

Herr Sforza, wie fällt Ihr sportliches Fazit nach den ersten vier Wochen aus?

Ich finde, dass wir insgesamt auf einem guten Weg sind. Klar, die Niederlage gegen Sofia war eine Enttäuschung, ein Dämpfer. Wir hatten an diesem Tag nur eine Chance, die Tagesform war leider nicht ganz so gut, die Spieler hatten eine intensive Phase. Und es ist auch etwas Pech dazugekommen. Das darf man alles nicht vergessen. Aber wenn ich sehe, wie das Team gegen Luzern reagiert hat, dann freue ich mich auf die nächsten Wochen.

Wie viel Ciriaco Sforza steckt schon im Spiel des FCB?

Einiges. Ich freue mich, dass die Spieler anfangen, nach vorne zu verteidigen, nach vorne zu spielen. Zuletzt hiess es immer wieder: Wenn der Gegner sich hinten reinstellt, hat der FCB Probleme. Aber wenn ich mir alle Spiele anschaue, dann sehe ich, dass wir immer zu Chancen gekommen sind.

Der FCB hat in jedem Spiel mindestens ein Gegentor kassiert.

Da müssen wir aber eher über die Konzentration in der Defensivphase sprechen und nicht über die Ordnung. Wenn ich die Gegentore anschaue, dann haben wir es dem Gegner oft zu einfach gemacht. Aber Sie haben recht, das ist ein Thema, bei dem wir besser werden müssen.

An Ihrem Kader hat sich in den letzten Stunden einiges getan.

(schmunzelt) Ich muss dem Verein ein Kompliment machen. Er konnte einiges davon umsetzen, was wir gemeinsam besprochen haben.

Wer war in dieser Phase Ihre erste Anlaufstelle, wenn es um Transferwünsche ging? Einen offiziell deklarierten Sportchef gibt es beim FCB ja nicht mehr.

Wir haben einen Kreis von mehreren Personen, die zuständig sind. Das Wichtigste ist, dass wir uns bei den Spielern, die wir verpflichten oder abgeben, einig sind. Der Präsident hat in diesem Kreis mal gesagt: Zuletzt muss der Trainer entscheiden, denn er muss mit den Spielern arbeiten.

Also ist Bernhard Burgener Ihre erste Ansprechperson?

Er war oftmals am Tisch, ja, und ich finde es auch gut, dass er dabei ist. Aber es waren auch andere Personen involviert.

Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Kader?

Sehr. Ich habe immer gesagt: Wir wollen mit Leidenschaft und Power spielen. Da brauche ich Spieler, die Charakter haben und die für den FCB alles geben.

Das bedeutet: Vorher hat es an Charakter gefehlt?

Teilweise, ja. Für das, was ich mit dem FCB umsetzen will, braucht es Leidenschaft. Und wenn ich bei einem diese Leidenschaft nicht spüre, dann muss man so ehrlich sein und sagen: Das macht keinen Sinn. Ich kann keine enttäuschten Spieler gebrauchen, die ihren Mitspielern im Training die Energie absaugen. Auf so was achte ich ganz genau.

Wie wirken sich Spieler wie Timm Klose oder Pajtim Kasami auf diese Stimmung aus?

Abgesehen davon, dass Timm ein positiver Typ ist, haben wir auf seiner Position Spieler wie Cömert, Van der Werff, Hajdari. Das sind alles junge Spieler, die noch nicht die Top-Erfahrungen haben. Ich habe mir das angeschaut und festgestellt: Da fehlt mir ein Typ, der auch dirigiert.

Und bei Kasami?

Er hat in England gespielt, in Griechenland. Er hat gezeigt, was er für Potenzial hat. Er kann andere Spieler mitreissen. Aber er kommt jetzt neu ins Team und muss sich beweisen, in gewissen Dingen auch unterordnen.

Das Kader wurde vertieft und verstärkt. Macht es das für junge Spieler schwieriger, sich zu entwickeln?

Wenn ich einen Spieler entwickeln will, ist es nicht gut, wenn er gleich viel Druck hat oder viel Verantwortung übernehmen muss. Im Schatten der erfahrenen Spieler darf man sich auch mal Fehler erlauben. Als ich damals zu den Profis gekommen bin, war mein Vorteil, dass ich von lauter Nationalspielern umgeben war. Wenn es bei mir mal nicht lief, bekam ich von allen Seiten Unterstützung.

Bei einem Kader mit vielen erfahrenen Spielern verändert sich auch Ihre Aufgabe: Sie sind jetzt auch vermehrt als Personalmanager gefragt.

Das ist keine neue Aufgabe für mich. Ich habe noch nie mit nur elf Spielern im Kader gearbeitet. Jede grosse Mannschaft hat ein breites Kader, 20, 23 Topspieler.

Der FCB hat 30. Darunter Spieler wie Kasami, Klose, Frei, Xhaka, oder Stocker. Das sind renommierte Namen, mit denen Sie beim FC Wil nicht in dieser Form zu tun hatten.

Das hat nichts mit Wil zu tun. Ich habe meine Erfahrungen bei Bayern München, bei Kaiserslautern gesammelt. Ich weiss, was funktionierende Mannschaften ausmachen. Und ich habe auch als Trainer Erfahrungen gesammelt.

Was ist für den FCB mit diesem Kader in der Liga möglich?

Ich habe es am ersten Tag gesagt: Ich will mit meiner Mannschaft um den Titel mitspielen. Und das können wir.

Ist der FCB sogar Titelfavorit?

Wenn alle topfit sind, gehört das Team vom Potenzial her mit YB und dem FC St. Gallen zu den Favoriten.

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