Presseschau

Basler Zeitung vom 27.02.2019

«Ich kann Raclette nicht durch Hummer ersetzen»

Sion-Präsident Christian Constantin glaubt weit mehr an den Basler Murat Yakin als an die Basler Pläne in Indien

Von Samuel Waldis

Sion. Im Mai 2017 sprach die Schweizer Fussballwelt wieder einmal von diesem Mythos. In Genf stand das Endspiel um den Schweizer Cup an, zwischen dem FC Basel und dem FC Sion, der bis dahin aus 13 Finalpaarungen als Sieger hervorgegangen war. Die Walliser Unbesiegbarkeit wurde abermals symbolisch aufgeladen, und der Druck auf die Spieler war greifbar in den Tagen vor dem Spiel. «Die Fortsetzung der Geschichte lastet auf unseren Schultern», sagte beispielsweise der damalige Walliser Captain Reto Ziegler.

Die Geschichte fand keine Fortsetzung. Basel krönte die Rekordsaison unter dem scheidenden Trainer Urs Fischer und holte das Double. Fischer ist ebenso Geschichte wie Ziegler. Und auch sonst hat sich vieles verändert: Die Young Boys halten die Schalthebel des Schweizer Clubfussballs in ihren Händen, und der FCB erlebt zum ersten Mal seit 15 Jahren eine Saison ohne Gruppenphase im Europacup.

Eines ist aber geblieben: Christian Constantin ist noch immer Präsident des FC Sion. Seit 2003 steht er wieder an der Spitze des Walliser Vereins, den er auch finanziell alimentiert. Am Autotelefon zwischen Lausanne und Neuenburg spricht der 62-Jährige mit der BaZ über seine Begeisterung für Murat Yakin, über Indien, Walt Disney – und den heutigen Cup-Viertelfinal gegen den FC Basel (Tourbillon, 20.30 Uhr, SRF 2). Eine Affiche, die es seit Dezember bereits zum dritten Mal gibt. Die letzte Begegnung gewannen die Basler in der Liga vor zehn Tagen 1:0 – dank eines vieldiskutierten Elfmeters.

BaZ:

Christian Constantin, haben Sie das 0:1 in Basel verdaut?

Christian Constantin:

Aus unserer Sicht war der Penalty komplett ungerechtfertigt. In Basel sieht man das natürlich anders. Aber immer, wenn du im St.-Jakob-Park spielst, hast du das Gefühl, Probleme mit dem Schiedsrichter zu haben.

Ist das einfach Ihr Eindruck?

Es ist zu einem Drittel ein Gefühl und zu zwei Dritteln Fakt. Aber ich sage ja nicht, dass ich immer recht habe.

Sion liegt nach 22 Runden auf Rang sechs. Wie zufrieden sind Sie mit der Saison bisher?

Wir haben mit neun Punkten im ersten Saisonviertel sehr schlecht begonnen. Jetzt versuchen wir, den Start zu korrigieren. Die meisten Teams in dieser Liga liegen sehr eng zusammen: Gewinnst du zweimal, kommst du in die Nähe der ersten drei. Verlierst du zweimal, spielst du fast schon gegen den Abstieg.

Seit September ist der Basler Murat Yakin Ihr Trainer. Was bringt er dem FC Sion?

Ich sah in Murat schon als Spieler mehr als einen normalen Fussballer. Und als Trainer hat er überall Spuren hinterlassen. Mit Luzern war er im Cupfinal, mit Basel wurde er Meister, war zweimal Trainer des Jahres und hat den FC Chelsea im Europacup bezwungen. Er hat die Essenz der grossen Trainer.

Wohin kann sein Weg denn aus Ihrer Sicht noch führen?

Schauen Sie sich den Werdegang Lucien Favres an. Murat ist jetzt 44 Jahre alt. In diesem Alter war Lucien bei Servette. Erst mit 50 Jahren hat dann seine internationale Karriere begonnen. Murat kann bereits in drei, vier Jahren eine gewichtigere Stelle antreten.

Gewichtiger als Ihr FC Sion?

Als der FC Sion und der Schweizer Fussball.

Es kann aber, gerade in Sion, auch sehr schnell gehen. Verliert Yakin zwei, drei Spiele in Folge, fällt doch auch er in Ungnade bei Ihnen.

Die Resultate sind selbstverständlich wichtig, aber nicht der einzige Faktor. Wenn ein Trainer nach Niederlagen ins Schwimmen kommt, dann weiss ich, dass er das Ruder nicht herumreissen kann. Mit einem Trainer aber, der mit Niederlagen umgehen kann, kommt es gut. Murat Yakin wird keine Niederlagenserie haben. Er kennt den Schweizer Fussball taktisch so gut, dass er immer etwas bewirken kann.

Inwiefern wird der Cupviertelfinal gegen den FC Basel die Bewertung von Murat Yakins Leistung in Sion beeinflussen?

Gar nicht. Es ist Sport. Es ist ein einziges Spiel.

Allerdings eines im Wettbewerb, um den sich im Wallis ein ganzer Mythos rankt. Hat dieser gelitten, seit Sion 2017 nach 13 erfolgreichen Versuchen gegen Basel erstmals einen Cupfinal verloren hat?

Der Cup ist ja nur ein Mythos am Tag des Finals. Da sind wir noch nicht.

Liegt für den FC Sion in den nächsten Jahren eigentlich mehr drin als ein im ganzen Wallis gefeierter Cupsieg?

Es gibt zwei Pokale in der Schweiz: YB wird Meister, aktuell spielen noch acht Teams um den Cup. 1997 haben wir letztmals die Liga gewonnen und das Double geholt – unter mir übrigens. Das Problem ist, dass die Kräfteverhältnisse stark von der wirtschaftlichen Potenz der Städte abhängig sind. In den 1990er-Jahren gab es drei Clubs: GC, Sion und Servette …

… und den FC Aarau, der 1993 den Meistertitel holte.

Worauf ich hinaus will: In jenem Jahrzehnt spielte Basel zu Beginn noch in der NLB, den Young Boys ging es nicht gut und dem FC Zürich auch nicht. Es waren also Jahre, in denen die wirtschaftlich grossen Städte – abgesehen von Zürich mit den Grasshoppers – nicht so stark im Oberhaus vertreten waren.

Wie können die kleinen Clubs denn heute wieder nach oben kommen?

Im Moment verändert sich der Fussball nochmals stark mit der Modifikation des Europacups. Basel hatte in den letzten Jahren eine sportlich gute Phase, weil in der Champions League Clubs wie der FCB noch vertreten waren und sie da viel Geld verdienen konnten. In zwei Jahren wird das vorbei sein. Der Schweizer Fussball wird also ärmer. Und das heisst wiederum, dass andere Vereine in die nationale Spitze vordringen könnten.

Sie glauben also, dass die Veränderungen im Europacup die Super League ausgeglichener machen?

Die Champions League hat die Meisterschaften in den kleinen Ligen zerstört. Kroatien ist auch so ein Beispiel, da dominierte Dinamo Zagreb über Jahre. Mit den aktuellen Modifikationen im Europacup werden sich die wirtschaftlichen Gegebenheiten in den nationalen Meisterschaften verändern. Ohne sagen zu wollen, dass das gut ist.

Was bedeutet das für die Zukunft eines Vereins wie den FC Sion?

Dass wir die Ausbildung der Junioren vorantreiben müssen, was wir allerdings bereits jetzt schon tun.

GC spricht davon, der beste Ausbildungsverein sein zu wollen. Reicht das denn als Zukunftsvision?

Die Grasshoppers haben mit dem Abriss des Hardturms den grössten Unsinn gemacht. Sie haben ihr Haus zerstört. Aber man muss den Jungen auch eine Plattform bieten und ihnen den Eindruck vermitteln, dass sie für einen grossen Verein spielen. Die Ausbildung ist ein fundamentales Element – aber ein Club braucht eben auch ein Stadion und Menschen, die die Mannschaft spielen sehen wollen.

Dass GC noch kein neues Stadion hat, ist nicht der Fehler des Vereins. Die Bevölkerung hat sich dagegen gestellt.

GC hätte doch im Hardturm weiterspielen können, bis die Bewilligung für ein neues Stadion vorliegt und erst dann die alte Heimat abreissen. Wir haben das Tourbillon auch renoviert und jetzt zum Beispiel einen der besten Rasen des Landes.

Juniorenausbildung und Veränderungen am Stadion sind zwei Faktoren für die Zukunft eines Vereins. Der FC Basel geht einen Schritt weiter und beteiligt sich in Indien mit 26 Prozent am Chennai City FC. Was halten Sie davon?

Wir hatten vor zehn bis 20 Jahren auch ähnliche Kooperationen mit Clubs in Afrika und Südamerika. Es ging dabei darum, Trainer zu finanzieren und auszubilden sowie deren Spieler bevorzugt zu transferieren. Es hat jedoch nie funktioniert. Es ist nicht möglich, einen Club zu führen, der Tausende von Kilometern entfernt ist.

Inwiefern können Sie den Schritt des FC Basel trotzdem nachvollziehen?

Man nimmt wohl an, die wirtschaftliche Entwicklung von Indien werde sich ähnlich abspielen wie jene Chinas. Aber der Fussball hat eine Kultur. Und wenn du etwas machen willst, das nicht der Kultur eines Ortes entspricht, dann wird es schwierig. Ich kann im Wallis auch nicht das Raclette durch Hummer ersetzen.

Die Menschen im Wallis mögen doch auch Hummer. Genauso wie die Menschen in Indien auch Fussball mögen.

Sie haben vor allem Emotionen für Cricket.

Cricket war in Indien auch nicht vorhanden, bis es die Engländer mitgebracht haben.

Es braucht Jahrzehnte, um eine Kultur für einen Sport zu entwickeln. Ich sage ja auch nicht, dass es langfristig unmöglich ist, Fussball in Indien zu etablieren. Aber der Vorreiter erzielt keine unmittelbare Rendite. Das braucht sehr viel Zeit.

Eine andere Zukunftsvision von Schweizer Fussballvereinen ist E-Sport. Auch der FC Sion hat zwei Spieler und zwei Trainer engagiert. Warum dringen Sie in diesen Markt vor?

E-Sport nimmt eine wichtige Rolle in der Unterhaltungsbranche ein. Es ist möglicherweise ähnlich wie mit der Entwicklung des Kinos: Alles begann mit Charlie Chaplin und Co., mit Menschen als Schauspielern, und irgendwann kamen die Trickfilme von Walt Disney. Vielleicht gibt es ja dereinst auch einmal E-Sport-Vergnügungsparks.

Sie meinen wie Disneyland? Aber warum müssen es Fussballclubs sein, die sich im E-Sport engagieren? Es ist doch ein komplett anderes Geschäftsfeld als das Spiel auf dem Rasen.

Es ist einfach ein neues Produkt, wie Fanartikel auch. Wenn du mehr Aktivitäten neben dem Feld hast, die das Geschehen auf dem Rasen finanzieren, ist das gut.

Wenn aber Fussballclubs in immer mehr Bereiche vorstossen, die nichts mit dem Kerngeschäft zu tun haben, wo bleibt denn da am Ende die Romantik für dieses Spiel?

Die Romantik haben wir mit dem Verlegen von Kunstrasen getötet. Der Geruch geht verloren. Die Tacklings sind nicht mehr die gleichen. Die Trikots werden nicht mehr dreckig. Du bist einfach nicht mehr in der Natur.

Eine Flanke ins Zentrum ist auch auf Kunstrasen eine Flanke ins Zentrum. Es ist noch immer Fussball. Von Menschen gespielt.

Aber die Romantik ist weg.

Und wenn Fussballvereine E-Sport-Abteilungen betreiben, hat das keinen Einfluss auf das romantische Verständnis des Fussballs?

Ich mache mit dem FC Sion jährlich eine Gala mit 8000 Gästen. Das ist auch kein Sport. Aber alle sind zufrieden und kommen jedes Jahr gerne wieder.

Und Sie verdienen Geld.

Um den Fussball zu finanzieren. Mit dem Verkauf von Würsten und den Einnahmen aus dem Ticketing kannst du keinen professionellen Sport bezahlen. Der Fussball rentiert einfach nicht.

Macht es denn unter diesen schwierigen Bedingungen überhaupt noch Spass, an der Spitze eines Schweizer Fussballvereins zu stehen?

Ich will mit einem Beispiel antworten: 1997 haben wir gegen den FC Liverpool gespielt. Ich hatte damals ein Budget von 15 Millionen, Liverpool rund 60. Vor gut zwei Jahren haben wir wieder gegen Liverpool gespielt. Mit einem Budget von 22 Millionen gegen eines von rund 600. Dieses Verhältnis hat sich in 20 Jahren also vervielfacht. Der Fussball, wie er sich aktuell entwickelt, wird schwierig.

Wird sich das Fussballgeschäft irgendwann selbst zerstören?

Das ist nicht unmöglich. Die grossen europäischen Clubs wollen ihre eigene Liga gründen, die ich schon vor 15 Jahren erwartet hätte. Diese Liga würde bedeuten, dass die anderen Vereine an Bedeutung verlören und für Mäzene weniger interessant wären. Entsprechend würden sie auch weniger junge Spieler ausbilden. Und auf diese sind die grossen Vereine letztlich angewiesen.

Die einen bringen Fussballer hervor, die anderen verdienen Geld mit ihnen.

Genau deswegen müssen wir für Solidarität kämpfen. Ich bin inzwischen kurz davor zu denken, dass es vielleicht besser ist, wenn die grossen Clubs ihre Liga gründen und wir unser Ding machen.


www.baz.ch

Zurück