Presseschau

Basler Zeitung vom 02.03.2019

Der erste Schritt in eine bessere Zukunft

Nach dem FCB-Triumph in Sion und fünf Pflichtspielen im 2019 gibt die BaZ fünf Antworten auf fünf Fragen

Von Oliver Gut

Basel. Viel Zeit, um den emotionalen Sieg im Cup-Viertelfinal gegen Sion zu geniessen, bleibt den Spielern des FC Basel nicht. Schon morgen Sonntag empfängt die Mannschaft von Marcel Koller mit dem FC Thun jenen Club, der in dieser Meisterschaft nur vier Punkte weniger geholt hat und damit im Kampf um den zweiten Platz der ärgste Rivale ist (St.-Jakob-Park, 16 Uhr).

Die BaZ hält nach dem Ausrufezeichen vom Mittwoch trotzdem kurz inne und zieht nach den ersten fünf Pflichtspielen im 2019 Zwischenbilanz. Unter dem Strich darf festgestellt werden: Bislang sieht einiges besser aus als im vergangenen Kalenderjahr.

Was bringt das 4:2 in Sion?

Das Wichtigste ist die sportliche Spannung, die anhält. Und zwar sowohl in der Öffentlichkeit wie in der Mannschaft. Mit einem Ausscheiden hätte man die Saison für beendet erklären können, denn dass der FC Basel sich in der Meisterschaft vom zweiten Platz nach oben oder unten wegbewegt, ist in Anbetracht der Stärkeverhältnisse in der Liga unwahrscheinlich. Und auch wenn dieser zweite Platz zum jetzigen Zeitpunkt keineswegs gesichert ist: Ein Ringen um diesen ohne Aussicht auf einen Titel ist weder für das Publikum noch für die meisten Spieler nach all den Jahren des Erfolgs etwas, auf das man mit erhöhter Temperatur reagiert.

Die Dramaturgie der Partie in Sion hat zudem den Effekt, dass sich die Wahrnehmung des Potenzials der Mannschaft verändert. Ein Sieg nach einem 0:2-Rückstand hat Seltenheitswert. Dem FCB ist in der ganzen bisherigen Saison kein derartiges Comeback geglückt. Die Aufholjagd hat einige Dinge offenbart, die man bei Rotblau verloren glaubte. Da waren Wille und Leidenschaft, aber auch Qualität zu sehen – und zwar so, dass man den Eindruck hatte, da sei eine richtig starke Mannschaft am Werk. All das also, worauf man seit Sommer wartet.

Das erhöht den Glauben an das oft kritisierte Konzept «Für immer Rotblau» der Clubführung, zumal die gedachten Führungsspieler (Stocker, Frei, Suchy, Kuzmanovic) in Sion auch tatsächlich das Heft in die Hand nahmen, während die Perspektivspieler (Okafor, Ajeti, Petretta, Kaiser) ihren Beitrag leisteten.

Was ist besser als im Herbst?

Natürlich die Resultate. Der FCB ist seit sieben Pflichtspielen unbesiegt und hat 2019 in fünf Partien vier Siege gefeiert. Nie wird sich etwas daran ändern, dass der Kurs der härtesten Währung, die der Sport kennt, an erster Stelle kommt, wenn es um die Stimmung in und um eine Mannschaft geht.

Darüber hinaus darf man feststellen, dass der FCB nicht nur in Sion, sondern auch in anderen Partien mit mehr Passion und Mut am Werk gewesen ist als noch zuvor. In der Offensive wird zielstrebiger agiert, in der Defensive entschiedener zugepackt. Und die Balance zwischen Angriff und Abwehr ist merklich besser geworden.

Wer sind Gewinner, wer Verlierer?

Zdravko Kuzmanovic ist der grosse Gewinner der bisherigen Rückrunde. Noch Ende November hat keiner mehr mit ihm gerechnet – inzwischen hat er gezeigt, dass er eine Hilfe ist.

Ebenfalls ein Gewinner ist Marek Suchy, der nach seiner halbjährigen Verletzungspause in der Abwehr wieder gesetzt ist und Leistung bringt. Eine Vertragsverlängerung wäre keine Überraschung. Bereits einen neuen Vertrag erhalten hat Noah Okafor. Bei ihm deutet alles darauf hin, dass diese Rückrunde den Durchbruch darstellt.

Nach dem Sion-Spiel muss man auch Valentin Stocker zu den Gewinnern zählen. Mit seinen Toren im Wallis und in Neuenburg hat er erstmals seit seiner Rückkehr wichtige Beiträge geleistet. Und auch Albian Ajeti, der zuvor wie ein Verlierer aussah, hat im Wallis als Einwechselspieler gepunktet.

Zu den Verlierern zählen die verletzten Innenverteidiger Carlos Zambrano und Eray Cömert. Der Peruaner wird mit seinem Muskelbündelriss wohl nie mehr für den FCB spielen, nachdem er in die Rückrunde startete, um die Basler Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass man ihn zum Saisonende definitiv von Dynamo Kiew übernimmt. Cömert hat in der Hinrunde immer gespielt – nach seiner Schulterverletzung dürfte dies schwierig werden, wenn Suchy und Balanta gesund sind. Seine Chance ist aber, dass Balanta diesbezüglich anfällig ist. In Sion ausgewechselt, ist er nun fraglich.

Mit ihren Verletzungen in Sion könnten auch Ricky van Wolfswinkel und Kevin Bua zu Verlierern werden. Klar ist: Wenn sie wieder fit sind, hat Koller in der Offensive die Qual der Wahl – inklusive Kalulu. Und er täte im Sinne des Konzepts gut daran, wenn er Okafor und Ajeti fördert. Dann hat der Trainer Chancen, das zu bleiben, was er nach Sion ist: ein Gewinner. Die wichtigsten Spiele sind unter ihm zuvor alle verloren gegangen (Limassol, 2x YB) – nun hat er eine grosse Partie gewonnen. Zudem sind die Auftritte der Mannschaft in der bisherigen Rückrunde besser als zuvor und kommt bei seinen Nominationen die Mischung zwischen Jung und Alt sinnvoller und ausgewogener daher.

Versöhnt das die Fans?

Es ist klar, dass sich die jüngsten sportlichen Eindrücke positiv auf die Anhänger auswirken. Aber von einer eigentlichen Versöhnung mit der Clubführung kann nicht gesprochen werden. Dafür braucht es eine längere, positive Periode – und mehr: Der FCB muss ein ernsthafter Meisterkandidat sein. Und das kann er in dieser Saison nicht mehr werden.

Hinzu kommen Burgeners Pläne in Indien, mit E-Sport und dem Stadion, die allesamt von grossen Teilen der Muttenzerkurve kritisiert werden. In dieser heterogenen Gemeinschaft finden sich einige kluge Köpfe. Sie werden auch dann noch opponieren, wenn der FCB wieder Meister ist – solange sie das Gefühl haben, der Club und sein Inhalt entwickle sich weg von der Basis.

Reicht das für die neue Saison?

Nein. Der FC Basel spielt besser Fussball als im Herbst. Aber er ist noch immer ein gutes Stück von dem entfernt, was der BSC Young Boys kann. Mehr Physis im Kader täte gut, will man ab Sommer wieder den Meistertitel anvisieren. Denn auf diese Weise hat man ein zusätzliches Argument, um Spiele für sich zu entscheiden, wenn es mit Technik und Taktik nicht reicht.

Daneben gilt es für Marcel Koller, sich und die Mannschaft taktisch weiterzuentwickeln. Prinzipiell ist nichts gegen Ballbesitz-Fussball in einem 4-2-3-1-System einzuwenden. Aber ein bisschen mehr funktionierende taktische Variabilität würde der Mannschaft gut anstehen. Ohne diese ist der FC Basel berechenbar – und dürfte das eine oder andere Mal gestoppt werden, was wertvolle Punkte kostet.


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