Presseschau

Basler Zeitung vom 09.03.2019

«Über 40 Meter war ich schneller als Breel»

Basels Noah Okafor spricht über die Embolo-Vergleiche, das Interesse aus Nigeria und die Kunst, nicht abzuheben

Von Tilman Pauls und Oliver Gut

Basel. Valentin Stocker hat das alles schon unzählige Male mitgemacht. Das ständige Auf und Ab einer Profikarriere, das Lob und auch die Kritik. Jetzt sitzt der 29-Jährige in der Rotblau-Bar und kann nach den durchwachsenen letzten Monaten wieder mal über seine Erfolge sprechen. Über seine Tore gegen Xamax und Sion, über seine Vorarbeit gegen Thun. Doch Stocker weiss, dass es auch ganz schnell anders kommen kann.

Einige Meter entfernt von ihm sitzt Noah Okafor an einem Tisch und gibt eines seiner ersten ausführlichen Interviews überhaupt. Der Club achtet noch immer darauf, wie viel Aufmerksamkeit er dem erst 18-Jährigen zumuten kann. Okafor ist neben Stocker der auffälligste FCB-Spieler in dieser Phase. Im Spiel gegen Neuchâtel zeigte er eines seiner besten Spiele, schoss ein sehenswertes Tor aus der Distanz. Im Cup in Sion provozierte er dann kurz vor Schluss den wichtigen Penalty, der die Basler überhaupt erst in die Verlängerung brachte.

Okafor steht dank seiner Spielweise im Fokus. Er ist jung, spektakulär, aus der Region und hat seine ganze Jugend beim FCB durchlaufen. Klar, dass da Erinnerungen an einen anderen Spieler wach werden, der vor gar nicht allzu langer Zeit eine ähnliche Entwicklung im Trikot der Basler hinlegt hat.

BaZ:

Noah Okafor, wie ist es, wenn man mit Breel Embolo verglichen wird?

Noah Okafor:

Wenn man sieht, was Breel für einen Weg gemacht hat, ist es eine riesige Ehre für mich. Es freut mich, wenn die Menschen mir eine vergleichbare Karriere zutrauen.

Dieser Vergleich ist aber auch mit grossen Erwartungen verknüpft.

Darüber mache ich mir keine grossen Gedanken. Ich spiele einfach weiter, arbeite im Training hart und hoffe, dass ich den Zuschauern auch weiterhin viel Freude bereiten kann.

Wo sehen Sie die grössten Gemeinsamkeiten zwischen ihnen beiden?

Wir sind beim FCB beide relativ jung zu den Profis gekommen, auch wenn er noch ein bisschen jünger war als ich. Ausserdem haben wir einen ähnlichen Körperbau, spielen auf einer offensiven Position …

… und sie profitieren beide von ihrer Geschwindigkeit.

Genau. Allerdings sind unsere Spielweisen doch ziemlich verschieden: Er agiert gerne mit dem Rücken zum Tor und spielt seine physischen Vorteile aus. Mir kommt es entgegen, wenn ich den Raum vor mir habe, mit dem Ball am Fuss und mit Geschwindigkeit auf die Abwehr zulaufen kann. Das ist mein Spiel.

Wer ist der schnellere Spieler?

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es heute ist. Aber es gibt Footuro-Daten von dem Zeitpunkt, als wir beide 17,5 Jahre alt waren. Über die Distanz von 40 Metern war ich damals schneller als Breel. Wir gehörten aber beide zu den schnellsten Spielern.

Gab es in den letzten Jahren beim FCB einen Spieler, der schneller war als Sie?

Nicht dass ich wüsste (lacht).

Und international?

Wir haben ja die Daten aus unseren Spielen, darum weiss ich ungefähr, wo ich stehe. Ein Spieler wie Kylian Mbappé hatte während der WM eine Spitzengeschwindigkeit von 38 Kilometern pro Stunde, im Schnitt lag er bei 36. Da bin ich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35,1 noch etwas langsamer.

Sie wissen also ganz genau, welcher Spieler wie schnell ist?

Es interessiert mich einfach, wo ich im Vergleich stehe. Arjen Robben hat in einem Sprint gegen Sergio Ramos zum Beispiel mal einen Topspeed von 36,9 erreicht, bei Gareth Bale waren es 36,7, glaube ich. Diese Daten habe ich im Internet gesehen, da ich mich dafür interessiere.

Sie orientieren sich demnach längst nicht mehr nur an Breel Embolo.

Am Anfang habe ich schon in erster Linie seine Karriere verfolgt. Er war so etwas wie mein Vorbild. Als er sein erstes Tor im Joggeli geschossen hat, stand ich als Balljunge an der Linie und habe mich für ihn gefreut. Spätestens seit diesem Zeitpunkt habe ich zu ihm aufgeschaut und mir gesagt: Das will ich auch, ich will auch eines Tages in der Super League spielen.

Haben sie beiden sich darüber ausgetauscht?

Rund um das Stadion oder auf den Trainingsplätzen sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben gemerkt, dass wir ähnliche Typen sind. Inzwischen sind wir Freunde und schreiben uns regelmässig. Ich kann mich jederzeit melden, wenn ich eine Frage habe.

Spielt es eine Rolle, dass Sie beide afrikanische Wurzeln haben?

Ich weiss nicht, ob es damit zusammenhängt. Wir sind uns vom Typ her einfach sehr ähnlich. Ich habe Breel als sehr entspannten und aufgestellten Typen kennengelernt, der für jeden Spass zu haben ist und der gerne mit Menschen kommuniziert. Das ist bei mir nicht anders.

Dabei sind Ihre Geschichten doch sehr unterschiedlich: Während Embolo in Kamerun geboren wurde, sind Sie ein waschechter Basler.

Stimmt. Ich bin in Binningen, auf dem Bruderholz, geboren. Dann habe ich mit meiner Familie in Giebenach gewohnt und später sind wir nach Arisdorf gezogen, wo ich auch jetzt wieder lebe, seit ich nicht mehr im FCB-Wohnheim bin.

Dort haben Sie auch zum ersten Mal in einem Verein gespielt.

Ja. Ich hatte schon als kleines Kind immer einen Ball am Fuss. In Arisdorf haben meine Freunde gefragt, ob ich mit ihnen im Verein spielen wolle. Dann habe ich mich angemeldet, ohne meine Eltern zu fragen. Nach drei Monaten hat mir mein Trainer gesagt, dass ich eigentlich zu gut für die Mannschaft sei. Bei einem Turnier haben mich die Basler beobachtet, ich bin für ein Probetraining eingeladen worden – und seit ich acht Jahre alt bin, spiele ich nun schon für den FCB.

Ein waschechter Konzept-Spieler.

Wenn Sie so wollen. Es ist ja viel über das rotblaue Konzept geschrieben worden, da macht man sich natürlich Gedanken, dass ich viele Punkte davon erfülle.

Wann war Ihnen klar, dass Sie Profi werden können?

Ich habe in jeder Altersstufe zu den Besten gehört und dann spielt man irgendwann mit dem Gedanken. Es gab eine schwierige Phase, als ich mit 15 in einem Jahr zehn Zentimeter gewachsen bin und aus diesem Grund gesundheitliche Probleme hatte. Aber als es danach aufwärts ging, habe ich mich noch mehr auf den Fussball konzentriert …

… und die Schule links liegen lassen?

Ich habe beides unter einen Hut bekommen. Letztes Jahr habe ich meine Lehre bei Ochsner Sport abgeschlossen, meine Autoprüfung bestanden. Jetzt kann ich mich komplett auf den Fussball fokussieren.

Dort lief es zuletzt ziemlich gut für Sie: Ein Tor und ein Assist gegen Neuchâtel, den Elfmeter im Cup gegen Sion provoziert, dazu ein neuer Vertrag bis 2023 und viele neue Bewunderer. Wer sorgt dafür, dass Sie jetzt nicht abheben?

Meine ganze Familie, aber vor allem mein Vater. Er ist derjenige, der darauf schaut, dass meine Geschwister und ich auf dem Boden bleiben. Er sagt mir regelmässig, dass ich kein besserer Mensch bin, nur weil ich jetzt beim FC Basel spiele.

Besteht denn die Gefahr, dass Sie die Bodenhaftung verlieren?

Ich glaube nicht. Aber wenn es gut läuft, wie zuletzt, dann ist mein Vater zur Stelle und achtet darauf, dass es mir nicht in den Kopf steigt. Natürlich gibt es Dinge, die sich verändert haben: Ich werde auf der Strasse häufiger angesprochen oder die Leute wollen ein Foto mit mir. Aber deswegen hebe ich nicht ab.

Stehen die Clubs aus dem Ausland auch schon Schlange?

Es ist tatsächlich passiert, dass ich von einem Agenten angerufen worden bin. Wenn ich jetzt sehe, dass es eine unbekannte Nummer aus dem Ausland ist, nehme ich den Anruf gar nicht an. Keine Ahnung, wie die alle an meine Nummer kommen.

Fällt es Ihnen leicht, den Versuchungen der Fussballwelt zu widerstehen? Sie sollen ja bereits im Nachwuchs einige Angebote von Clubs aus dem Ausland erhalten haben.

Das stimmt. Aber ich habe nie darüber nachgedacht, Basel zu verlassen. Ich habe meine Familie, meine jüngeren Brüder, meine Schwester, meinen Halbbruder. Das ist meine Heimat, meine Sprache und der Club, bei dem ich alle Stufen durchlaufen konnte. Ich weiss nicht, ob ich heute auch so weit wäre, wenn ich mit 16 oder 17 in ein anderes Land gegangen wäre.

Wie oft hat sich der nigerianische Verband schon bei Ihnen erkundigt?

Der nigerianische Verband klopft seit einigen Monaten immer wieder an. Aber ich habe das ja nach dem Spiel in Neuchâtel bereits gesagt: Ich habe mich noch nicht entschieden, für welches Land ich vielleicht eines Tages spielen werde.

Wirbt der Schweizer Verband auch so intensiv um Sie?

Nein, da ist es etwas weniger.

Wie stark ist Ihre Verbindung nach Nigeria, dem Heimatland Ihres Vaters?

Ich habe Kontakt zu meinen Grosseltern und den Geschwistern meines Vaters. Jetzt, wo ich Geld mit dem Fussball verdienen kann, unterstütze ich meine Familie dort, das gehört für mich dazu. Und ich war auch schon einige Male in Nigeria zu Besuch.

Wer kümmert sich um Ihre Karriereplanung? Arbeiten Sie mit einem Berater zusammen?

Mein Vater berät mich. Während meine Mutter sich inzwischen Vollzeit um die Familie kümmert, arbeitet er weiterhin als Automechaniker, kümmert sich aber um mich und meine Geschwister. Zudem arbeiten wir seit mehreren Jahren mit einem Anwalt zusammen. Mein Vater und er sind die beiden Personen, denen ich vertraue, wenn es um meine Karriere geht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich aktuell einen Berater brauche, der in erster Linie auf seinen Profit achtet.

Haben Sie bereits einen Plan für Ihre Laufbahn im Hinterkopf?

Ja.

Und wie sieht der aus?

Zuerst will ich mich in Basel beweisen und mir einen festen Platz erarbeiten. Ich will zu den Stützen dieses Teams gehören und unbedingt einen Titel mit dem FCB gewinnen – am besten natürlich schon den Cup in dieser Saison. Und dann wird man sehen, wie ein nächster Schritt aussehen könnte.

Haben Sie sich einen Zeitrahmen gesetzt?

Für mich ist klar, dass ich Basel nicht schon in diesem Sommer verlassen will. Ich habe mir einen Traum erfüllt, dass ich vor 30000 Zuschauern im St.-Jakob-Park spielen kann. Wissen Sie, ich habe mich nie so sehr für Clubs wie Manchester United oder Barcelona interessiert. Der FCB war mein Verein, ich habe zu Spielern wie Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka oder eben Breel aufgeschaut. Jetzt will ich mich hier etablieren. Über die nächste Saison müssen wir also nicht diskutieren.

Zumal Sie Ihren Vertrag eben erst verlängert haben.

Genau. Es wäre zwar eine noch längere Laufzeit möglich gewesen, aber für mich waren die drei Jahre perfekt. Ich kann hier noch viel lernen.

Wo müssen Sie denn noch zulegen?

In allen Bereichen. Ich denke, dass ich mich in dieser Saison in vielen Bereichen bereits weiterentwickelt habe und ein besserer Spieler bin als zu Beginn dieser Spielzeit.

Sind Sie taktisch besser geworden?

Natürlich, das sind Dinge, die dazu gehören. Ich arbeite nach dem Training viel für mich, sicher mehr als andere Spieler, und will mich verbessern. Da geht es um den Torabschluss, um Taktik, ich ernähre mich gesund und regeneriere gut. Zudem schaue ich mir Dinge von anderen Spielern ab, Laufwege, Finten, Richtungswechsel. Ich weiss, dass ich noch besser werden kann.

Sie haben gegen Xamax früh Ihr erstes Tor in der Super League erzielt – in den folgenden Wochen dann aber keine zentrale Rolle mehr gespielt. Warum?

Das hatte damit zu tun, dass es dem Team nicht gut lief. In so einer Situation ist es für einen jungen Spieler wie mich etwas schwieriger, seinen Teil beizutragen. Dazu kam, dass ich noch etwas Zeit brauchte, um in der Super League Fuss zu fassen. Ich wusste zwar immer, dass ich das Zeug habe und hier auch mithalten kann. Ich weiss, was ich kann, und habe keine Angst. Jetzt profitiere ich davon, dass die Mannschaft sich besser gefunden hat. Wir sind besser, fitter und halten besser zusammen.

Der Cupsieg ist also das Ziel?

Ja, das muss das Ziel sein, wir wollen den Cup unbedingt gewinnen.

Erst recht jetzt, wo die Young Boys nicht mehr mit dabei sind.

Ich habe das Spiel am Mittwoch gesehen und habe schon vorher damit gerechnet, dass der FC Luzern das Spiel gewinnt. Nach unserem Sieg in Sion hatte ich das Gefühl, dass wir den Cup gewinnen werden.

Aber die 19 Punkte auf YB werden Sie kaum noch aufholen.

Das wird schwer. Aber aktuell sind wir meiner Meinung nach besser drauf als YB.


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