Presseschau

Basler Zeitung vom 16.03.2019

Die Frage nach der Nummer 1 der Schweiz

Wo liegt der FC Basel noch immer vorne und wo haben ihn die Young Boys überholt? Die BaZ vergleicht die Clubs

Von Oliver Gut und Tilman Pauls

Basel/Bern. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Aber wenn der FC Basel morgen den BSC Young Boys empfängt (16 Uhr, SRF 2 live), handelt es sich dabei um das Spitzenspiel der Super League. Bei einem Blick auf die Tabelle kann man diese Einschätzung anzweifeln, 21 Punkte Abstand sprechen eher für eine Alleinherrschaft der Berner. Aber die Clubs streiten sich ja nicht nur in der Super League um den Platz an der Sonne, sondern auch in vielen anderen Bereichen.

Jahrelang schien der FC Basel den Bernern und dem Rest der Liga in fast allen Bereichen entrückt. Dank der Erfolge auf dem Rasen haben die Berner aber auch in anderen Kategorien den Anschluss geschafft und die Basler teilweise gar überholt. Welche das sind? Die BaZ hat die beiden Clubs vor dem morgigen Duell, in dem es neben drei Punkten bestenfalls noch um die Ehre geht, in zwölf Kategorien verglichen:

1. Sportliche Qualität

Ist-Zustand:

Souveräner Meister 2018, souveräner Tabellenführer, 21 Punkte Vorsprung – das sind die Fakten, die nur eine Feststellung zulassen: Das aktuelle Team der Berner ist besser als jenes des FCB. Dabei ist es wohl weniger eine Frage der vorhandenen Erfahrung oder der technischen Fertigkeiten als der physischen Attribute, die sich in Berner und Basler Reihen versammeln: Auch nach Sanogos Abgang finden sich in Bern noch immer viele grosse, kräftige (Camara, Wüthrich, Hoarau) oder schnelle (Sulejmani, Sow, Assalé) Spieler. Und sogar solche, die beides vereinen (Mbabu, Benito, Fassnacht). Daraus ergibt sich eine Wucht, die immer wieder den Weg zum Sieg weist, wenn es mit Schönspielen allein nicht geht. Zur Not auch erst in der Nachspielzeit.

Diese Hebel fehlen den Baslern. Da findet sich zwar auch Speed (Okafor, Bua, Kalulu, Riveros) und Kraft (Suchy, Balanta). Aber nicht in einem Spieler vereint und auch so auf die Positionen verteilt, dass die betreffenden Profis nicht gleichzeitig auf dem Platz stehen. Wucht als Alternative zu Raffinesse lässt sich so kaum mal entfalten.

Prognose:

Während YB mit Fabian Lustenberger im Hinblick auf den Sommer einen potenziellen Schlüsseltransfer getätigt hat, ist es in Basel bislang still. Und wenn man Präsident Bernhard Burgener zuletzt hörte («es ist noch zu früh»), klang es nicht so, als wenn eine Transfer-Offensive anstünde. Stärker scheint man auf das Entwicklungspotenzial des aktuellen Kaders zu setzen, so wie das im Konzept «Für immer Rotblau» vorgesehen ist. Entsprechend dürfte YB auch in der nächsten Saison die sportliche Nummer 1 bleiben und scheint eine Ablösung frühestens 2021 möglich. Aber wohl nur dann, wenn das YB-Kader alters- (Von Bergen, Wölfli, Hoarau) und transferbedingte (Mbabu, Assalé, Sow) Mutationen hinter sich hat und sich die Qualität der sportlichen Entscheide beim FCB klar verbessert.

2. Nachwuchs-Pipeline

Ist-Zustand:

Blickt man auf die aktuellen Profi-Kader der beiden Vereine, so fällt auf, dass der Anteil an Spielern, die im eigenen Club ausgebildet worden sind, ähnlich ist: YB bringt es auch ohne immer wieder propagiertes Konzept auf acht Akteure, die aus dem Nachwuchs stammen, wovon vier als waschechte Berner gelten. Beim FCB sind es – nachdem dies zuletzt forciert worden ist – aktuell zehn Kaderspieler, wobei inklusive dem Badisch-Rheinfelder Petretta sechs ihre Wurzeln in der Region haben. Was auffällt: Beim FCB darf man aktuell sechs Spieler zu den Leistungsträgern zählen, bei YB trifft das nur auf die Hälfte zu.

Prognose:

Das hat seinen Ursprung wohl darin, dass die Berner in Sachen Nachwuchs nicht dort sind, wo sie gerne sein möchten. Mit der Infrastruktur kämpfend (vgl. Punkt 9), tut sich der Nachwuchs im Vergleich zum FCB schwer: Ist die rotblaue U21 in der Promotion League beheimatet, kickt die gelbschwarze U21 nur in der 1. Liga. Auf Stufe U18 ist YB bei der Elite zwar aktuell um einen Punkt besser als Basel, aber bei der U16-Elite klar schlechter. Deshalb dürfte der FCB auch in den nächsten Jahren mehr Nachwuchsspieler hervorbringen, die das Zeug zum Starter bei den Profis haben.

3. Sportliche Führung

Ist-Zustand:

Vielleicht ist Christoph Spycher tatsächlich «Wunder-Wuschu». Vielleicht sind bei YB aber auch einfach die Kompetenzen klarer abgesteckt als beim FCB. Das ist dort, wo Marco Streller Sportdirektor ist – und man immer mal wieder das Gefühl hat, es würde in einer Sportkommission, in der viele Köche im Brei rühren, immer wieder mal gegen Strellers Überzeugung entschieden. Bei den Bernern ist der Sportdirektor der Chef und trägt die finanziellen Konsequenzen. Ob Streller das auch kann, weiss man nicht. Und man wird es womöglich auch nie erfahren.

Wäre es anders, wäre Marcel Koller wohl nie FCB-Trainer geworden. Nach einem halben Jahr scheint er das Team stabilisiert zu haben. Argumente, dass er der richtige Mann für das rotblaue Konzept ist, hat er aber nicht geliefert. Dass er seine Arbeit im Sommer fortführen darf, ist in Anbetracht der jüngsten Ergebnisse und der Kräfteverhältnisse in der Führungsetage trotzdem wahrscheinlich. In Bern würde Spycher antizipieren, sollte sich Trainer Gerardo Seoane zum Problem entwickeln. Allerdings gibt es dafür aktuell keine Anzeichen, zumal Seoane weiss, dass dort, wo «Wunder-Wuschu» ist, auch Gott hockt. Aktuell passen die Ideen des Luzerners besser zu Bern als die Philosophie des Zürchers Koller nach Basel.

Prognose:

Wenn Spycher im Januar der Nationalmannschaft absagt, seinen Vertrag verlängert und den Sommer-Transfer eines Fabian Lustenberger vermeldet, beschleicht einen das Gefühl, dass sie in Bern mehr vom früheren Basler Erfolgsduo Heusler/Heitz abgeschaut haben als deren Nachfolger beim FCB. Die Gewichte könnten sich diesbezüglich zwar wieder angleichen, da man bekanntlich aus Fehlern lernt und Erfolg stets die Gefahr der Genügsamkeit birgt. Dass sie sich aber so stark verschieben, dass die Waage auf die rotblaue Seite fällt, ist nicht absehbar.

4. Clubstruktur

Ist-Zustand:

Wer YBs Organigramm sieht, dem fällt auf: Alles ist sauber getrennt, es gibt keine Personen in doppelter Funktion – und damit auch wenig Potenzial für Kompetenzgerangel. Hinzu kommt, ob im Verwaltungsrat der Sport und Event AG oder in der Geschäftsleitung: Mit Ausnahme von Sportdirektor Spycher wirken alle im Hintergrund – und Besitzer Hansueli Rihs hält sich aus dem Tagesgeschäft raus. Spycher ist die prägende Figur.

Beim FCB gibt es dieses Gesicht in der Person von Marco Streller auch. Aber die Kompetenzen sind weit unklarer abgesteckt. So steht etwa Bernhard Burgener als Besitzer sowohl dem Verwaltungsrat der FC Basel Holding AG als auch der Profifussball-Abteilung FC Basel 1893 AG vor und nimmt zudem Einsitz in der Sportkommission, führt den Club aber aus der Ferne. Speziell ist auch, dass CEO Roland Heri im Grunde der Vorgesetzte von Sportdirektor Marco Streller oder Nachwuchschef Massimo Ceccaroni ist – dass aber diese im Gegensatz zu ihm auch im Verwaltungsrat der AG sitzen und ihn auf dem Papier kontrollieren sollten. Das Konstrukt ist verworren. Darunter leidet die Diskussions- und Entscheidungskultur ebenso wie unter der Tatsache, dass alle Verwaltungsräte in Holding (Peter von Büren, Karl Odermatt) und AG (Streller, Ceccaroni, Alex Frei) von Burgener als Arbeitgeber abhängig sind.

Prognose:

Der FCB wird seine Strukturen verbessern, indem Heri an der GV im Verwaltungsrat der AG Einsitz nimmt, während Alex Frei ausscheidet. Um an YB heranreichen zu können, braucht es aber auch Personen auf dieser Ebene, die ihr tägliches Brot nicht in einem Burgener-Unternehmen verdienen – und eine Entscheidung des Besitzers, entweder konsequent zu führen oder sich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten. YB wird stabil bleiben, solange im Erfolg keiner aus dem Hintergrund das Rampenlicht sucht. Und so lange, wie Hansueli Rihs gewillt ist, den Club zu besitzen.

5. Finanzielle Situation

Ist-Zustand:

Dank Transfers und Rückstellungen wird der FC Basel das Geschäftsjahr 2018 trotz verpasster Europacup-Einnahmen mit einem kleinen effektiven Gewinn abschliessen. Und das bei Ausgaben, die sich noch immer in der Höhe von über 80 Millionen Franken bewegen dürften. Da er noch immer über Reserven verfügt – 15 bis 20 Millionen Franken in der AG, dazu 20 Millionen Franken als Sicherheit in der Holding – steht er noch immer glänzend da. YB kann da noch nicht mithalten, auch wenn die jährlichen Ausgaben kleiner sein dürften. Zwar wird der Verein dank der Einnahmen aus der Champions League (rund 30 Millionen Franken) und Transfers zwischen 10 und 15 Millionen Gewinn schreiben. Aber was mit diesen geschieht, wird sich zeigen. Denn das Glück von YB ist gleichzeitig die Gefahr: Der Club ist noch immer von Hansueli Rihs und den Nachkommen dessen verstorbenen Bruders Andy Rihs abhängig. Der lange Anlauf an die Spitze dürfte die Rihs-Brüder über die Jahre rund 80 Millionen Franken gekostet haben.

Prognose:

Wiederholt sich im Sommer, was schon 2018 geschah – YB erreicht die Champions League, der FCB scheitert auf als Liga-Zweiter –, werden sich die Berner rasch annähern. Dann werden sie wieder Gewinn schreiben, während die Basler mit einem klaren Verlust rechnen müssen, durch den die Reserven empfindlich abnehmen. Über kurz oder lang ist klar: Sportlicher Erfolg – auch in Europa – ist für direkte (Uefa-Prämien) und indirekte Einnahmen (Transfer-Erlöse) und damit für die finanzielle Entwicklung entscheidend.

6. Wert des Kaders

Ist-Zustand:

Man kann sich über den Wahrheitsgehalt von Marktwerten sehr gut streiten, erst recht wenn sie von Plattformen wie Transfermarkt stammen. Aber sie geben doch eine gute Orientierung – erst recht dann, wenn man zwei Teams vergleicht. Und im Fall von FCB und YB ist klar zu erkennen, wie sich die sportliche Dominanz der Berner auf den Marktwert niederschlägt. Letzte Saison lag der FCB dank Spielern wie Elyounoussi, Vaclik oder Lang mit 60 Millionen Euro deutlich vor YB. Dann stürzte der Wert des Basler Teams um über zehn Millionen ab.

Anders in Bern: YB konnte seinen Marktwert um 45 Millionen Euro steigern. Die grössten Profiteure sind dabei Djibril Sow und Kevin Mbabu, deren Marktwert aufgrund ihrer Leistungen und ihres jungen Alters aktuell bei neun und zehn Millionen geführt wird. Einen solchen Wert sucht man im Kader des FCB vergebens: Dort ist Stürmer Albian Ajeti mit aktuell «nur» sechs Millionen Euro bereits der wertvollste Spieler.

Prognose:

Wie sich Marktwerte entwickeln, hängte davon ab, was im Sommer passiert. Gehen Sow, Assalé und Mbabu auf einen Schlag? Investiert der FCB im grossen Stil? In der Tendenz wird YB in dieser Kategorie aber weiter vor den Baslern liegen. Der Meistertitel und die Aussicht auf die Königsklasse erleichtern Transfers von Talenten. Und YB hat schon jetzt einige junge Spieler wie Aebischer, Lauper, Camara oder Lotomba, denen man eine gute Entwicklung zutraut. In Basel fällt einem in diesem Bereich als erster Spieler Noah Okafor ein – allerdings ist dessen Marktwert mit aktuell nur 800 000 Franken um ein Vielfaches zu tief bewertet.

7. Zuschauerzahlen

Ist-Zustand:

Wie unterschiedlich die Zuschauerverhältnisse der Clubs in der Vergangenheit waren, zeigte sich vor einigen Wochen. In Basel wurde schon die nächste Krise heraufbeschworen, weil die Zahl der Jahreskarten im Vergleich zum Vorjahr um knapp neun Prozent auf knapp unter 20 000 gesunken war. Währenddessen freute man sich in Bern über den Rekordwert von 18 000 Jahreskarten. Kein Wunder: 2015 lag YB noch bei 10 350 Dauerkarten und hat diesen Wert nun nahezu verdoppelt.

Ähnliches Bild bei den Zuschauerzahlen: Während man beim FCB aktuell über eine Verkleinerung des Stadions debattiert, um mehr Menschen anzulocken, hat man diese Saison noch immer die meisten Zuschauer der Liga: 25 001 kam pro Spiel nach Basel, 24 423 ins Stade de Suisse. Auch wenn der reale Zuschauerschnitt in Basel tiefer sein dürfte, wenn man die beträchtliche No-Show-Rate bedenkt.

Prognose:

Überholt YB den FCB nicht nur sportlich, sondern auch bei den Fans? Die Antwort lautet wohl: Nein. YB befindet sich seit Monaten im Hoch, die Jahreskarten steigen auch aufgrund der Aussicht auf die Champions League. Aber irgendwann wird man in der Hauptstadt eine Sättigung feststellen, zumal man mit dem SC Bern noch einen ebenfalls erfolgreichen Konkurrenten vor der Haustüre hat. Und in Basel dürften die Zuschauerzahlen wieder steigen, wenn die Basler attraktiven Fussball zeigen, um den Titel spielen –oder YB zumindest wieder ein etwas ernsthafterer Konkurrent sind.

8. Marketing-Volumen

Ist-Zustand:

Im Geschäftsbericht 2017 verkündete der FCB, dass 83 seiner 86 Partner-Positionen belegt seien. Dass man im eSports Fortschritte mache und neue Marken gewinne. Der Vertrag mit Hauptsponsor Novartis läuft noch bis 2021, die Kooperation mit der Basler Versicherung wurde eben erst bis 2022 verlängert, der mit der IWB ebenfalls. Die Uhrenmarke Oris zeigt im Stadion neuerdings die Uhrzeit an und im November stellte man DSM als neuen Premium-Partner vor. Man kann also nicht behaupten, dass die sportliche Talfahrt dem Verein in seinen geschäftlichen Beziehungen geschadet hat.

Auch die Zahl der Follower auf den Sozialen Netzwerken oder die Trikotverkäufe sind höher als in Bern, teilweise markant: Während die Basler auf Facebook fast 2 Millionen «Freunde» haben und rund 10 000 Trikots verkaufen, sind diese Kennziffern bei YB tiefer (85 800 Freunde, 6338 Trikots).

Prognose:

Klar ist, dass sich der sportliche Erfolg der Berner auch auf die Marketing-Zahlen auswirken wird. Wer Erfolg hat, der ist beliebt bei den Partnern und kann auch mehr Geld verlangen.

Die Kurve wird bei den Bernern weiter ansteigen, auch wenn Zahlen nicht öffentlich gemacht werden. Allerdings wird der Club nicht so schnell mit den Baslern konkurrieren können: Der FCB hat sich über viele Jahre hinweg seine Partnerschaften aufgebaut und ist nach wie vor eine gefragte Plattform. Zudem sorgen weitere Projekte dafür, dass in Zukunft noch mehr Geld eingenommen werden könnte als die rund 23 Millionen Franken, die der Club im Geschäftsjahr 2017 für Business Seats, Sponsoring, Merchandising und Events Non-Matchday ausgewiesen hat.

9. Infrastruktur

Ist-Zustand:

Für einen europäischen Spitzenclub wäre es unvorstellbar: Profis, die mehrere hundert Meter mit dem Rad zum Training fahren müssen, sogar bei Regen! Doch in der Schweiz hat der FCB noch immer die beste Infrastruktur. Stadion und Geschäftsstelle wurden in den letzten Jahren ausgebaut, auf der Brüglinger Ebene gibt es alles, was man braucht (auch wenn es aktuell in schmucklosen Containern verstaut ist). Und für Kunstrasen, Rasenheizung oder Testspiele hinter dem Sichtschutz können die Profis den Campus nutzen.

YB hat hingegen eine Infrastruktur, die CEO Wanja Greuel «katastrophal» nennt. Das einzige Trainingsfeld ist der Kunstrasen im Stadion. Der Club hat zwar die Chance, auf der Allmend gegenüber des Stadions zu trainieren, aber die Fläche gehört der Stadt und nicht dem Club. Zudem sind die Verhältnisse dort so schlecht, dass der SFV die Berner aufforderte, die Zustände zu verbessern. YB droht gar der Entzug der Zertifizierung als Leistungszentrum, falls sich nichts ändert.

Prognose:

Klar, beim FC Basel hätte man durchaus auch ein paar Ideen, um die Infrastruktur weiter zu verbessern. Zum Beispiel, indem man die Geschäftsstelle ins Stadion integriert und so die Miete einspart. Im Bereich der Profis gibt es jedoch keine derart gravierenden Änderungswünsche wie in Bern. Dort hätte der Club gerne vier Plätze auf der Allmend – einer davon ein Kunstrasen – und ein kleines Gebäude für Garderoben und Toiletten. Auf diese Art könnte man im Inneren des Stadions auch wieder Naturrasen verlegen. Aber all das braucht Zeit – und so lange ist YB in dieser Hinsicht das Schlusslicht der Liga.

10. Andere Projekte

Ist-Zustand:

Chennai City FC, eSports, Mitglieder-Werbung durch Influencer – der FCB verfolgt unter Bernhard Burgener eine andere Ausrichtung als unter der alten Clubführung. Der Club bringt sich in Position, um für die Schwierigkeiten der Zukunft gewappnet zu sein. In Bern hat man sich zu einem solchen Schritt noch nicht durchringen können: Die Einführung einer eSports-Sektion wurde mal geprüft, die Idee dann aber wieder verworfen. So konzentriert der Club sich auf sein Kerngeschäft, wenn man vom Gastrobetrieb des Stadions und die Restaurants absieht, die über die Stade de Suisse AG zu YB gehören.

Prognose:

Besonders die Beteiligung am Club in Chennai hat den Baslern viel Publicity (und Kritik) eingebracht. Wie schon beim Engagement im Bereich eSports haben die Basler diesen Schritt früh und zu einem überschaubaren Preis gewagt, das könnte sich in einigen Jahren auszahlen. Was, wenn der indische Markt zum weltweit grössten wird oder man mit Konsolen-Fussball plötzlich so viel Geld verdienen kann wie mit Konsolen-Strategiespielen? Dann hat der FCB alles richtig gemacht – und YB um gleich mehrere Jahre abgehängt.

11. Platz in Europa

Ist-Zustand:

Zugegeben, man muss ein bisschen weiter nach unten schauen als auch schon, um im Uefa-Ranking einen Schweizer Club zu entdecken. Der FCB steht auf Rang 29, nachdem die Basler mal vor Clubs wie Liverpool, Tottenham oder Ajax standen. YB liegt derzeit auf Platz 55, weil sich die Berner in den letzten fünf Jahren im europäischen Wettbewerb ja bekanntlich nicht mit Ruhm bekleckert haben.

Prognose:

Aktuell ist die Ausgangslage der Basler noch immer besser als jene bei YB – der FCB ist gegen die meisten europäischen Gegner gesetzt. Aber die Basler werden an Boden verlieren. Die erfolgreiche Saison 14/15 fällt aus der Fünfjahres-Wertung, als man sich mit Trainer Paulo Sousa für die Achtelfinals der Champions League qualifizierte und sich 15 Punkte sicherte. Zum Vergleich: Die Qualifikationsspiele in dieser Saison brachten den Baslern nur 2,5 Punkte.

12. Lokale Verankerung

Ist-Zustand:

In Bern herrscht seit Monaten Euphorie, wenn es um YB geht. Gelbschwarz ist Modefarbe, das Gefühl der Verbundenheit ist gross. Doch es ist eine Momentaufnahme, die über einen Fakt nicht hinwegtäuschen sollte: YB teilt sich die Gunst mit dem SCB, dem grössten Eishockey-Club der Schweiz. Während in Basel Generation um Generation mit Rotblau gross wird, anderer Sport nur Randerscheinung ist und der Club als Wahrzeichen der Stadt so gut wie keinen kalt lässt, definiert sich Bern nicht über seinen Fussballclub und können ganz viele Berner auch ohne diesen leben. Wie wichtig der FCB den Baslern ist, zeigt sich gut daran, wie sehr sich die Anhänger auch für Belange der Clubpolitik interessieren und diese – wie zuletzt – aktiv kritisieren. Es herrscht das Gefühl vor, der Club sei Kulturerbe Basels und gehöre allen – unabhängig davon, wer gerade die Aktienmehrheit daran besitzt.

Prognose:

Es müssten sich schon grobe Verwerfungen, wie ein Verkauf an ausländische Investoren, ereignen, dass die konkurrenzlose Verbundenheit des Baslers zu seinem Fussballclub nachhaltig leidet. Und in Bern werden sich die Young Boys die Aufmerksamkeit auch in Zukunft mit dem SC Bern teilen müssen.

Mitarbeit: Fabian Ruch


www.baz.ch

Zurück