Presseschau

Basler Zeitung vom 18.03.2019

90 Minuten auf Augenhöhe

Der FC Basel zeigt beim 2:2 gegen die Young Boys, dass er zumindest über ein Spiel mit den Bernern mithalten kann

Von Tilman Pauls

Basel. Bei grossen Spielen in grossen Ligen wird ja gerne aufgezählt, in wie vielen Ländern die Partie übertragen wird. Real Madrid gegen Barcelona, live in 188 Ländern. Manchester City gegen Manchester United, live in 179 Ländern. Der Fussball umspannt die ganze Welt, jede Liga lässt sich verfolgen, wenn man den passenden Sender oder die richtige Internetadresse kennt.

Von der Super League sind solche Zahlen eher selten zu hören. Es ist zum Beispiel nicht überliefert, in wie vielen Ländern die Begegnung zwischen dem FC Basel und dem BSC Young Boys verfolgt wurde. Aber sicher hat sich auch gestern wieder irgendjemand irgendwo vor irgendeinen Bildschirm gesetzt, um dieses Spiel zu schauen. Weil es ja doch eine eher ungewöhnliche Situation ist: Dass sich eine Partie als «Spitzenspiel» bezeichnen darf, in dem die Teams 21 Punkte voneinander getrennt sind.

In Bern beschäftigen sie sich schon gar nicht mehr mit dem FCB oder der Frage nach der Titelverteidigung. Dort schielen sie längst auf den Basler Punkterekord aus der Saison 2015/16, den man übertrumpfen könnte. Sonst sind YB für diese Saison die sportlichen Ziele ausgegangen. Die Berner agieren sportlich in einer komplett anderen Sphäre. Nur war davon gestern auf keinem Bildschirm dieser Welt etwas zu sehen.

Nsames schneller Doppelpack

Das 2:2 war ein Spitzenspiel, das man auch so bezeichnen darf. Ohne Anführungszeichen. «Das war heute die beste Werbung für den Schweizer Fussball», bestätigten beide Trainer. Die 90 Minuten zeigten nämlich, dass der FCB und YB für die Dauer eines Spiels durchaus auf Augenhöhe spielen und dass die Basler dabei phasenweise sogar die bessere Mannschaft sein können.

Der FC Basel war druckvoll gestartet. Marcel Koller hatte nach einigen Sperren und Verletzungen wieder mehr Möglichkeiten für die Gestaltung seiner Startelf. Und er überraschte mit zwei Entscheidungen: Im Sturm setzte er auf Ricky van Wolfswinkel, nicht auf Albian Ajeti. Und im Zentrum verschob er Fabian Frei etwas nach vorne und Luca Zuffi etwas nach hinten. «Das war die Lösung, für die wir uns entschieden haben.» Eine Lösung, die aufging.

Angeführt von Fabian Frei, Taulant Xhaka und Valentin Stocker begann der FCB überlegen und ging in der 17. Minute nach Eckball und Eigentor von Michel Aebischer in Führung. «Die Standards durch Zuffi sind schwer zu verteidigen, und wenn Marek Suchy dann mit voller Wucht kommt …», zeichnete YB-Trainer Gerardo Seoane die Entstehung nach. Doch wie schon im letzten Heimspiel reagierte YB auf den frühen Rückstand, nachdem es zuvor noch ziemlich desinteressiert an diesem Spiel gewirkt hatte.

Ajetis späte Einwechslung

Jean-Pierre Nsame nutzte zwei Chancen und zwei Unachtsamkeiten in der FCB-Abwehr zu zwei Toren. «Die Treffer haben wir hergeschenkt», sollte Koller später sagen. Beim 1:1 wurde Roger Assalé nicht an seiner Flanke gehindert, die durch den Strafraum bis zu Nsame rollte. «Genau das haben wir in der Vorbereitung angeschaut», sagte Koller. Und auch beim Freistoss, der zum 1:2 führte, sah der Trainer Versäumnisse, auf die er seine Spieler im Vorfeld extra hingewiesen hatte.

Dass die Basler an einem anderen Punkt sind als noch im Dezember, zeigte sich nach der Halbzeit. Dieses Mal brachen sie nicht ein, nicht so wie beim 1:3. Noah Okafor gelang der Ausgleich und danach entwickelte sich ein Spiel, das man durchaus in mehreren Ländern hätte ausstrahlen sollen. Der FCB hatte Chancen, YB hatte Chancen, die Berner trafen sogar zweimal die Latte. «Es war ein attraktives Spiel mit packenden Szenen», sagte Seone und befand, dass es ein «gerechtes Unentschieden» sei.

Das sah Koller nicht grundlegend anders, «es gab auf beiden Seiten Chancen auf den Sieg». Vielleicht hätte sein Team aber noch mehr Chancen gehabt, wenn zum Beispiel Albian Ajeti etwas eher ins Spiel gekommen wäre. Oder wenn man mit Aldo Kalulu einen schnellen Spieler eingewechselt hätte, um die Berner nochmals zu fordern. Stattdessen liess der Basler Trainer den dritten Wechsel verstreichen und unterstrich damit – wie zuletzt in Lugano – den Eindruck, dass er den Sieg nicht mit letzter Konsequenz suchte.

Dabei hat der FC Basel bei 21 Punkten Rückstand auf YB und weiterhin sieben Punkten Vorsprung auf den FC Thun in dieser Phase der Saison doch kaum etwas zu verlieren. Im Gegenteil: Er könnte sogar den einen oder anderen Zuschauer im Stadion oder vor dem Fernseher dazugewinnen.


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