Presseschau

Basler Zeitung vom 30.03.2019

Heraus aus dem Schatten – oder halt auch nicht

Thomas Häberli ist als ehemaliger Basler Assistent Chef geworden, andere nicht

Von Samuel Waldis

Fritz Schmid musste 58 Jahre alt werden, bis er als Chef in die Kameras lächeln durfte. Er war zwar Trainer des SC Kriens oder der Junioren des Teams Aargau gewesen. Aber auf der höchsten Stufe, da war er immer nur der Assistent von anderen Chefs. Der Schweizer fristete jahrzehntelang ein Schattendasein im Fussballgeschäft, Wikipedia führt nicht einmal einen Eintrag in Schmids deutscher Muttersprache. Obwohl er in der Premier League engagiert war oder in der Champions League gegen den FC Barcelona oder Juventus Turin spielte. Aber eben nicht als Trainer, sondern nur als Assistent. Unter anderem beim FC Basel, als Christian Gross die sportlichen Geschicke leitete und die erfolgreichste Ära in der Vereinsgeschichte eingeläutet hat.

In dieser Phase mit zwölf von insgesamt 20 Meistertiteln haben sich nur wenige Assistenten des FCB einen Cheftrainersessel ergattert. Hanspeter Latour, der bis ein Jahr vor Gross’ erstem Titel dessen Helfer war, übernahm direkt nach seiner Basler Zeit den FC Thun und arbeitete sich bis in die Bundesliga hoch. Heiko Vogel schaffte den Sprung 2011 sogar innerhalb des Vereins, danach aber wurde jahrelang kein Basler Assistent mehr zum Chef befördert. Bis eben Fritz Schmid 2018 in Neuseeland angeheuert hat und zuletzt der ewige Zuarbeiter Marco Walker und Thomas Häberli einen Cheftrainerposten übernommen haben: Walker in der vierthöchsten Liga, beim vom Abstieg bedrohten Basler Quartierverein Old Boys, Häberli in der Super League beim FC Luzern, dem Gegner des FC Basel am Samstag (Swissporarena, 19 Uhr).

FCB: Fruchtbar für Trainerpaare

In der Super League gibt es Vereine, die mehr Assistenten zu Cheftrainern geformt haben als der FC Basel. Zum Beispiel den FC Luzern, bei dem unter anderen Patrick Rahmen (heute Cheftrainer beim FC Aarau), Michael Silberbauer (Pacific FC, Kanada), Giorgio Contini (FC Lausanne-Sport) oder Gerardo Seoane (BSC Young Boys) einst Assistenten waren.

Allerdings hatte Basel seit Einführung der Super League vergleichsweise wenige Assistenten. Marco Walker brachte rund zehn Jahre im Verein zu und erlebte fünf Trainer, Markus Hoffmann in knapp fünf Jahren deren drei. Das Assistententeam war die grössere Konstante im Verein als die Trainer selbst – vielleicht auch deshalb, weil es mit Charakteren bestückt war, denen die Rolle im Hintergrund nicht ganz unlieb ist.

Der FC Basel ist zudem das fruchtbare Umfeld, in dem sich Trainerpaare gefunden haben: Murat Yakin war nach Heiko Vogel Markus Hoffmanns zweiter Chef. Mit dem ehemaligen Basler Spieler arbeitete der Österreicher eineinhalb Jahre in Basel und folgte ihm schliesslich für einen Saison nach Moskau. Nach dem Abstecher nach Russland kehrte Hoffmann zurück und arbeitete erstmals mit Urs Fischer zusammen. Auch ihm blieb er nach der Basler Zeit treu und betreut zusammen mit dem Zürcher seit Sommer 2018 erfolgreich die sportlichen Geschicke des Zweitbundesligisten Union Berlin, der aktuell auf dem dritten Platz liegt und damit die Aufstiegsspiele bestreiten würde. Eine andere Paarung, die in Basel gefestigt wurde, ist jene von Paulo Sousa und Victor Sanchez. Die beiden arbeiteten erstmals in Tel Aviv zusammen, verbrachten dann ein Jahr beim FCB und zogen gemeinsam weiter nach Florenz und China.

Der grösste Karriereschritt

Sowohl Sanchez als auch Hoffmann haben den Sprung zum Cheftrainer noch nicht gewagt. «Es ist der grösste Wechsel in einer Trainerkarriere», sagt FCB-Coach Marcel Koller, «und er wird dir erst bewusst, wenn du ihn vollziehst. Du hast plötzlich mehr Verantwortung, du musst alles im Überblick haben, es ist intensiver, du triffst Entscheidungen und musst den Spielern auch mal mitteilen, dass du nicht auf sie setzt. Das sind unangenehme Gespräche, die du als Assistent ganz einfach nicht hast», so der 58-jährige Zürcher weiter.

Koller ist seit knapp 22 Jahren Cheftrainer, in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Assistent war er in seiner Karriere nur kurz – und das bereits als Spieler bei den Grasshoppers unter dem Holländer Leo Beenhakker und Christian Gross.

Er gehört zu den Trainern, die in kurzer Zeit aus dem Schatten traten. Ans Licht dieses Geschäfts, wo ein Trainer in guten Phasen die Lobhudeleien geniessen darf und in schlechten die ganze Schärfe seiner Kritikerinnen abbekommt. Und so antwortet Marcel Koller auf die Frage, was ein Assistent bei ihm denn lernen könne: «Von meiner Erfahrung. Unter anderem in Situationen, in denen es nicht so läuft.» Diese Momente sind im Schatten angenehmer. Zum Beispiel als Assistent des Chefs.


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