Presseschau

Basler Zeitung vom 08.04.2019

In der Probezeit

Trainer Marcel Koller setzt auf Rotation – und erreicht nur ein 1:1 gegen Lugano.

Von Oliver Gut

Als alles vorbei ist, wird es richtig emotional. Taulant Xhaka und Alexander Gerndt geraten sich in die Haare. Das sind jene Spieler, die sich vor langer Zeit einmal so begegneten, dass Gerndt danach dem damaligen Arbeitgeber BSC Young Boys lange verletzt fehlte. Zuvor, da haben sie einen kernigen letzten Zweikampf bestritten, bevor Schiedsrichter Urs Schnyder abgepfiffen hat. Nun stehen sie Nase an Nase, zwei Steinböcken gleich, scheinbar jederzeit bereit, den anderen auf die Hörner zu nehmen. Es bildet sich ein Pulk, es fallen gehässige Worte. Und schliesslich löst sich die Szenerie doch noch auf, ohne dass wirklich etwas Gröberes passiert wäre.

Viele Momente, in denen der Puls hochgegangen ist, hatte es zuvor nicht gegeben. Nicht an diesem Nachmittag. Nicht in dieser Partie zwischen dem FC Basel und dem FC Lugano, die 1:1 endet. Es sind so wenige, dass sie sich aufzählen lassen.

Die Emotionen
Da ist zuerst die 26. Minute, in der Eder Balanta mit dem Kopf vor Noam Baumann an den Ball gelangt, um anschliessend mit dem Torhüter so zusammenzurasseln, dass dieser erst benommen liegen bleibt und dann ersetzt werden muss. Es folgt die 41. Minute, in der Eray Cömert zwar vor Balint Vecsei an den Ball kommt, ihn aber umgehend an den Gegenspieler verliert und diesen so foult, dass man sich fragt, ob es sich dabei nicht um eine Notbremse gehandelt hat. Dies, nachdem der Referee erst hat weiterlaufen lassen, um danach Cömerts Vergehen mit Gelb samt Freistoss zu ahnden.

Schliesslich fallen auch noch Tore. Eines in der 67. Minute, in welcher der eingewechselte Armando Sadiku in der Zone vor dem Basler Strafraum zu viel Platz hat. Er nutzt diesen, um aus 25 Metern einen Schuss abzufeuern, der hart und präzise genug ist, um die Gäste aus Lugano in Führung zu bringen. Das andere in der 75. Minute, in der die Basler ausgleichen: Nach einem Corner wird Marek Suchy von einem Kopfball Albian Ajetis so gestreift, dass Ersatzgoalie Da Costa diesen abprallen lässt – und wiederum Suchy mit der Fussspitze das Leder erreicht, um es hinter die Linie zu spedieren.

Die Dispositionen
Der Rest ist viel Krampf, wobei der FCB immerhin für sich reklamieren kann, mehr für das zu unternehmen, was zu wenig stattfindet: das Spiel. Ganz überraschend kommt der Mangel an Sehenswertem nicht zustande. Dass Lugano ein kompakt stehender, abwartender, schwer zu spielender Gegner für den FC Basel ist, haben die Tessiner schon zuvor in dieser Saison bewiesen, was in zwei Remis im Sottoceneri und einen knappen Basler Heimsieg mündete. Unterstützt wird dieser Umstand im vierten Direktvergleich aber auch von Marcel Kollers Dispositiv: Der Trainer des FC Basel hat sich in dieser englischen Woche dazu entschieden, der Rotation Raum zu geben – und stellt deshalb nicht so auf, wie man Rotblau am eingespieltesten wähnt.

Taulant Xhaka etwa gibt für den leicht angeschlagenen Silvan Widmer den Rechtsverteidiger. Vor allem aber agieren im zentralen Mittelfeld mit Kuzmanovic, Balanta und vor ihnen Samuele Campo drei Akteure, die man nicht als Stammspieler bezeichnen kann, während Fabian Frei und Luca Zuffi bis zum 0:1 auf der Ersatzbank sitzen.

Es ist dies ein nachvollziehbarer Entscheid Kollers, da der FC Basel in der Meisterschaft so klar als Zweiter dasteht, dass er weder auf den Leader noch auf die Verfolger zu blicken braucht. Schliesslich ist ja auch der Trainer nun, da er im Winter erstmals eine Vorbereitung mit der Mannschaft bestritten hat, quasi in der Probezeit, in der er nicht nur als Resultatbringer und Spielverbesserer, sondern auch als Kader-Moderator und -entwickler punkten soll. Zudem hat er in der Meisterschaft das Notwendigste mit einem starken dritten Saisonviertel praktisch erreicht und kann er seine Aufmerksamkeit auf den Cup-Wettbewerb legen, wo am 25. April der Halbfinal beim FC Zürich ansteht – und wo zwei Siege das brächten, was man in der vergangenen Saison vermisst hat: einen Titel.

Dieser lieferte Koller das stärkstmögliche Argument, um seine Arbeit im Sommer fortzuführen. Das Kader so zu nutzen, damit man im Cup frisch ist, macht folglich Sinn – auch wenn es dafür zu Hause gegen Lugano nur ein 1:1 gibt.


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