Presseschau

Basler Zeitung vom 16.04.2019

Zürcher Fans wüten am schlimmsten

Notbremsungen gingen inden letzten Jahren auf das Konto von GC- oder FCZ-Chaoten.

Martin Regenass

Die Szenen wiederholen sich. So auch am letzten Samstagabend. Fans des Grasshopper Clubs ziehen im Extrazug nach Zürich zwischen der Haltestelle St.-Jakob-Park und dem Pratteler Bahnhof zwischen 21.30 und 23 Uhr drei Mal die Notbremse. Bei der Hagnauerstrasse steigen Krawallbrüder aus und beschädigen ein Auto der Baselbieter Polizei und ein weiteres Fahrzeug mit Steinen. Gemäss Polizeisprecher Adrian Gaugler beläuft sich der Sachschaden auf mehrere Tausend Franken.

Weitere Male ziehen die GC-Chaoten auf Höhe Schweizerhalle und beim Pratteler Bahnhof die Notbremse. Die Polizei setzt Gummischrot ein, um die ausgestiegenen Fans zurück in den Zug zu drängen. Verletzte gibt es keine. Die SBB müssen den Bahnverkehr während insgesamt 40 Minuten unterbrechen. In der Luft kreist ein Helikopter, damit die Polizei die Eskapaden von oben überwachen und die Kräfte am Boden einschätzen kann. Die Fans des Grasshopper Clubs wollten sich wohl mit FCB-Hooligans prügeln.

Die letzten derartigen Auseinandersetzungen ereigneten sich am 11. April 2018. Fans des FC Zürichs zogen beim Bahnhof Pratteln die Notbremse, betraten die Gleise und lieferten sich Auseinandersetzungen mit Unbeteiligten. Im September 2017 waren es erneut Fans des FCZ, welche die Notbremse in Muttenz und Pratteln zogen. Die Chaoten strömten auf die Gleise und wüteten gegen Fahrzeuge und Gebäude. Es entstand hoher Sachschaden. Ein Jahr zuvor, am 16. September 2016, waren es GC-Fans, die beim Bahnhof in Muttenz die Notbremse zogen. Es kam zu Schlägereien zwischen GC- und FCB-Fans.

Fans grillieren im Zug
Gemäss Markus Jungo, Leiter der polizeilichen Koordinationsplattform Sport, der sich alle Kantonspolizeien angeschlossen haben, bereiten vor allem die beiden Zürcher Clubs in letzter Zeit die grössten Probleme in Fanzügen: «Hier registrieren wir massive Sachbeschädigungen in den Waggons, Betäubungsmittelkonsum, die Leute verweigern die Billettkontrollen, und es ist auch schon im Zug grilliert worden.» Dies führe dazu, dass bei Zügen mit GC-Fans die Transportpolizei der SBB gar keine Begleitung mehr aufbiete. «Das haben wir mit dem Grasshopper Club so vereinbart», sagt Jungo.

Zur Frage, ob die Notbremse vom Lokführer nicht beachtet werden und der Zug bei einem Bahnhof wie Pratteln einfach durchfahren könnte, sagt Jungo: «Der Lokführer könnte die Notbremse überbrücken, das ist so. Wenn es dann aber zu einem gravierenden medizinischen Notfall mit gesundheitlichen Konsequenzen kommt, der Lokführer aber nicht anhält, dann kommt es zu Haftungsfragen und einem juristischen Nachspiel. Ich verstehe, dass die SBB dies nicht verantworten mögen.»

Auch könnten die Transportpolizisten laut Jungo bei 150 bis 800 Fans, die auf dem Zug mitfahren, die Notbremse nicht vor einem illegalen Zugriff schützen. «Die Transportpolizei kommt bei so vielen Leuten gar nicht durch den Wagen. Billettkontrollen sind da grösstenteils nicht möglich.» In gewissen Zügen herrsche ein «rechtsfreier Raum».

Nach Vorfällen wie am Samstag würden sich die Involvierten an einen Tisch setzen. «Die Vereine, die SBB, die Fanarbeit, die Transportpolizei und wir suchen gemeinsam nach Lösungen. Die Zeit, in der wir uns den Schwarzen Peter hin- und herschieben, ist vorbei.» So sei auch eine Arbeitsgruppe entstanden, die bald einmal eine Lösung für das Problem präsentieren will. «Es ist aber zu früh, dazu konkret etwas zu sagen», so Jungo.

Meisterfans sind gute Fans
Es gibt aber auch Positives. «Wir registrieren auch Fanzüge, in denen es kaum Probleme gibt. Dies ist beispielsweise mit YB-, Luzern- oder Sion-Fans der Fall. Auch bei den FCB-Fans gibt es weniger Vorfälle.» Bei der Gemeinde Pratteln ärgert man sich über den erneuten Vorfall. «Es ist für uns schlicht unverständlich, wie man fremdes Eigentum beschädigen und sich selber und andere mit solchen Aktionen gefährden kann», sagt Sandra Meier, Sprecherin der Gemeinde Pratteln. Auffallend ist, dass die Polizei bei solchen Vorfällen kaum je Chaoten festnimmt.

Polizeisprecher Gaugler: «Das ist immer eine Frage der Verhältnismässigkeit. Es wäre nicht verhältnismässig, und auch aufgrund der personellen Ressourcen nicht umsetzbar, bei einem Zug mit rund 500 Fahrgästen jeden einzelnen Fahrgast zu kontrollieren, respektive ihm auch noch eine strafbare Handlung nachweisen zu können.» Dann würde der Zug keinen Meter mehr fahren. Gaugler: «Die Strecke bleibt gesperrt und schränkt unbeteiligte Fahrgäste anderer Züge massiv ein.»


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