Presseschau

Basler Zeitung vom 22.05.2019

Sechs Gründe, um nach Thun zu fahren

Nach dem Cupfinal ist vor der Cup-Revanche – mit dem Unterschied, dass es für den FCB um nichts mehr geht. Oder?

Von Tilman Pauls und Oliver Gut

Kübel gewonnen. Zweiten Platz gesichert. Fürden FC Baselgeht es in der Revanche für den Cupfinal nicht mehr um Wesentliches. Trotzdem gibt es durchaus einige gute Gründe für den Fan, um heute an den Thunersee zu fahren. Denn es geht dort um:

Wichtiges

Für den FCB mag es nur ein Testspiel unter Wettkampfbedingungen sein. Für den FC Thun jedoch ist die unmittelbare Cupfinal-Revance zumindest zur Hälfte so wichtig, wie es das Messen um den Silberpott am Sonntag war: Weiterhin haben die Thuner gute Aussichten, mit der direkten Europa-League-Teilnahme ihren persönlichen Jackpot zu knacken: Gesamteinnahmen von rund10 Millionen Franken würden für die Berner Oberländer nämlich bedeuten, dass sie ihre finanzielle Zukunft über mehrere Jahre sichern könnten.

Weil der FCB als Meisterschaftszweiter in die Champions-League-Qualifikation geht und somit nicht vom Cupsieg profitiert, sichert sich derjenige Club diese schöne Summe, der am späten Samstag auf Platz 3 in der Tabelle steht. Aktuell wird dieser vom FC Lugano besetzt, dahinter folgen mit je einem Punkt Rückstand Luzern, Zürich (nicht GC!) – und eben Thun mit seinem Profi-Budgetchen von 5,8 Millionen Franken.

Wer da als neutraler Fussball-Fan nicht den bodenständigen Aussenseitern aus den Bergen die Daumen drückt, schnappt im Tram wohl auch einer Urgrossmutter den letzten Sitzplatz weg.

Unbekanntes

Marcel Koller sagt, er wolle mit dem FCB keine Wettbewerbsverfälschung betreiben. Trotzdem wird sich auch der Trainer der Rotblauen überlegen, wie er die letzten zwei Liga-Partien nutzt, damit sie ihm noch etwas nützen – vorausgesetzt, er steht auch in der nächsten Saison noch beim FCB an der Seitenlinie. Denn indem Koller einfach seine Stammelf im 4-2-3-1 nominiert, liesse er zwei wunderbare Experimentier-Gelegenheiten ungenutzt verstreichen.

Das wird kaum passieren, weshalb der Fan darauf hoffen darf, dass er die ersten Super-League-Minuten eines künftigen Stars erlebt: Im Kader fänden sich Goalie Signori Antonio, Verteidiger Konstantinos Dimitriou oder Stürmer Julian Vonmoos im Angebot. Dazu bestünde auch die Möglichkeit, einen der Jungen aus der U-21 oder der U-18 laufen zu lassen – so, wie das vor einer Woche gegen den FC Luzern der Fall war, als Yannick Marchand debütierte.

Historisches

Mal ganz davon abgesehen, dass es dem FC Basel – primär aus Spielplan- und Verfügbarkeitsgründen – wohl noch nie gelungen ist, zwei Pflichtspiele in Folge auf Plastikrasen zu gewinnen, winkt Rotblau auf der Zielgeraden der Saison eine andere Bestmarke: Mit zwei Siegen und sieben Toren könnten sie sowohl den Punkte-wie auch den Torrekord der Ära Burgener knacken (69/72). Immerhin...

Motivierendes

Bei einer anderen Marke sind sie auch auf die Mithilfe der Gegner angewiesen: Gewinnt der FCB beide Partien, während YB kein Spiel gewinnt, wäre er in der Rückrunde gleichauf mit dem Meister oder stünde gar vor ihm. Zudem liesse sich so verhindern, dass YB nach dem Basler Punkte- und Torrekord aus der Saison 2017/18 nicht auch noch den Vorsprung-Rekord von 2012 knackt, als der FCB mit 20 Zählern Vorsprung auf den FC Luzern den Goldpott stemmte.

Es würde die Hoffnung nähren, dass man in der nächsten Saison wieder zum ernsthaften Konkurrenten für die Berner wird. Und in Kombination mit dem Cupsieg müsste man sich schon fast Sorgen machen, dass die rotblaue Führungsebene darob den Boden jener Realität nicht mehr sieht, die einem der Blick auf die gesamte Saison vor Augen führt.

Sentimentales

Nelson Ferreira tritt nach mehr als 350 Pflichtspielen für Thun zurück. Vor dem Cupfinalwollte der 36-Jährige nicht bestätigen, was ohnehin jeder ahnte, nämlich dass er im Club eine Funktion übernimmt und den Berner Oberländern so erhalten bleibt.

Trotzdem verliert die Liga nach 20 Jahren einen Spieler, wie es sie nicht mehr oft gibt. Er, der Sohn portugiesischer Einwanderer, der vom Bodenleger zum ersten Thuner Torschützen in der Champions League wurde. Einen Titel hat er nie gewonnen, am Sonntag war er noch mal nah dran. Und wenn Ferreira nun geht, dann geht ein Typ, von dem sich auch die Basler Fans mehr wünschen.

Neues

Im Mai 2015 spielte der FCB in der vorletzten Runde der Saison beim FC Thun. Nach dem Abpfiff sassen die beiden Trainer vor den Mikros – aber da wussten Paulo Sousa und Urs Fischer wohl noch nicht, dass der eine der Nachfolger des anderenwerdenwürde.

Die Basler haben sich in den letzten Jahren jedenfalls öfter bei Trainern mit Thuner Vergangenheit bedient: Urs Fischer, Murat Yakin, aber auch Raphael Wicky, der im Berner Oberland ja im Nachwuchs tätig war.

Für die Fans aus Basel könnte es sich heute also lohnen, einmal ganz genau hinzuschauen. Wer weiss denn schon, ob nicht Marc Schneider auch eines Tages für den FC Basel arbeitet.


www.baz.ch

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