Presseschau

Basler Zeitung vom 27.05.2019

Der FC Basel hat sich grundlegend verändert

Die Saison hat bestätigt, was Präsident Bernhard Burgener vor seinem Amtsantritt angekündigt hatte: Nichts ist mehr so, wie es war.

Tilman Pauls

Der FC Basel hatte soeben das letzte Saisonspiel gewonnen, seinen langjährigen Captain verabschiedet und eine Woche nach dem Cupsieg gegen den FC Thun die Rückrunde mit nur einer Niederlage abgeschlossen. Doch am Ende des Abends ging es um einen Telefonanruf, den Trainer Marcel Koller am Freitagabend getätigt hatte.

«Wir haben kurz telefoniert», sagte er, «wir haben nichts abgemacht», und am Ende sagte er dann noch: «Wir müssen das jetzt erst mal sacken lassen.» «Wir», das waren übrigens Koller und sein Arbeitgeber, der FC Basel.

Seit sich mit dem Cupsieg auch die letzte Prise Spannung beim FCB verflüchtigt hat, steht die Frage nach der Zukunft des Trainers so unübersehbar im Raum, dass es kein anderes Thema mehr zu geben scheint. Ein Bekenntnis der Vereinsführung ist weiterhin nicht zu vernehmen. Und selbst Koller wollte sich am Samstag nicht mal mehr auf sein Standardargument berufen, dass er ja noch einen gültigen Vertrag für die neue Saison besitze.

In dieser undurchsichtigen Verfassung verabschiedet sich der FCB also in die Sommerpause. Doch es wird erwartet, dass er die Pause in ein paar Stunden wieder für beendet erklärt und darüber informiert, dass man sich nach knapp einem Jahr von seinem Trainer trennt. Oder, dass man – Überraschung! – mit ihm weitermacht?

Ja, es ist inzwischen nicht mehr ganz so einfach, diesen FC Basel zu verstehen. Das zeigt die Diskussion um den Trainer ganz gut.

Im Verein ist im Grunde keiner mehr davon überzeugt, dass es richtig wäre, mit Koller in die neue Saison zu starten. Aber weil es dem ganzen Gebilde an Homogenität fehlt und viele Personen in viele Richtungen arbeiten, muss das noch lange nicht heissen, dass man den Trainer am Ende dann auch tatsächlich wechselt.

Irgendwo zwischen sportlichem Anspruch und finanzieller Verantwortung muss man sich klar werden, wie man in die neue Saison gehen will. Kann und will man sich die Trennung leisten? Oder verliert man am Ende gar mehr Geld, wenn man sportlich weiterhin die klare Nummer 2 ist, mit der Treue am Trainer Spieler vergrault oder deren Marktwerte so zurückgehen wie die Zuschauerzahlen?

Während die Vorsaison noch viele Spuren der Ära Heusler/ Heitz enthielt, so ist im letzten Jahr eines deutlich geworden, nämlich wie grundlegend sich der Verein verändert hat. Von aussen ist der FCB noch immer der FCB: gleiche Farben, gleiches Logo, gleiches Stadion. Unter den Farben, hinter dem Logo und in seinem Stadion ist der Club jedoch nicht mehr der gleiche. Und das ist – ob gut oder schlecht, das sei mal dahingestellt – das Verdienst von Bernhard Burgener.

Dessen Vorgänger Bernhard Heusler hat ja mal von einem Monster gesprochen, das man hochgezüchtet habe und das in gewissen Bereichen eine Eigendynamik entwickelt hat, die eines Tages vielleicht nicht mehr zu bändigen gewesen wäre. Ständig ging es aufwärts, Titel, Rekorde, Bestmarken.

Burgener hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Monster wieder zurückzuschrumpfen. Und in dieser Hinsicht ist er inzwischen so erfolgreich, dass der FC Basel kaum noch etwas Furchterregendes auf seine Gegner abstrahlt.

Die Auswirkungen des 7. April 2017 sind nach den letzten zwölf Monaten sichtbar geworden, nicht mehr verschleiert durch Siege in der Champions League oder Transfererlöse von über 50 Millionen Franken. Burgener hatte bei der Präsentation seines Konzepts angekündigt, dass nichts mehr so sein wird, wie es war. Er hat Wort gehalten.

Wo in den letzten Jahren alles nach oben deutete, zeigen die Entwicklungen jetzt in die andere Richtung. 13 Millionen Franken an Rückstellungen für Spieler-Ersatzbeschaffungen wurden aufgelöst, aber neue Reserven hat man nicht gebildet. 21 Millionen Franken will man im Vergleich zum Vorjahr einsparen. Und gleichzeitig schaut man in Indien oder einer Parallelwelt namens E-Sports nach zusätzlichen Einnahmequellen und denkt laut über eine Verkleinerung des St.-Jakob-Parks nach.

Einen zweiten Platz hinter den Young Boys würden die meisten Basler Fans wohl noch verkraften; auch wenn es nicht unbedingt 20 Punkte Rückstand sein müssten. Selbst ein 1:7 wäre einfacher hinzunehmen, wenn man das Gefühl hätte, dass der eingeschlagene Weg eines Tages Früchte trägt. Aber das ist, trotz dem ersten Titel der neuen Ära, noch weniger der Fall als in der Vorsaison. Und das provoziert Widerstand.

Die Zuschauer verlassen das Stadion, weil eine FCB-Filiale in Chennai eröffnet wird. Sie werden Genossenschafter des St.-Jakob-Parks, um einen möglichen Kauf durch Bernhard Burgener zu verhindern. Und an der Generalversammlung am 4. Juni wird über einen Antrag abgestimmt, wonach ein unabhängiges Mitglied die Aktienanteile des Basisvereins in der FC Basel 1893 AG vertritt – und nicht Bernhard Burgener.

Es arbeitet im Club, es knirscht, und hier und da mussten auch schon die ersten Splitter zusammengesammelt werden. Das Vertrauen in die Führung des FCB ist weiter geschwunden. Und es wird mehr brauchen als eine Antwort in der Trainerfrage, um dieses Vertrauen wieder zu stärken.

Doch weil bei allen Nebenschauplätzen entscheidend ist, wie das Kernprodukt auf dem Rasen aussieht, ist diese Frage von zentraler Bedeutung. Auch wenn man damit noch lange keine Garantie hat, dass nächste Saison alles besser wird.


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