Presseschau

Basler Zeitung vom 15.06.2019

Eine Fehlzündung führt zur Explosion

Analyse Marco Streller tritt als Sportdirektor zurück. Die Probleme des FC Basel bleiben – und sie enden nicht beim Trainer.

Oliver Gut

Marco Streller ist nicht mehr Sportdirektor des FC Basel. Das steht seit Freitagnachmittag und einem Communiqué des Clubs fest. Es ist das überraschende Resultat einer viel zu spät erfolgten Analyse, in der es eigentlich darum hätte gehen sollen, ob es eine Zukunft mit Trainer Marcel Koller gibt – und in deren Verlauf ein Wechsel unvermeidbar schien, mit dem designierten Nachfolger Patrick Rahmen und dessen Club, dem FC Aarau, bereits seit Tagen Verhandlungen liefen.

Am Donnerstag gerieten diese derart ins Stocken, dass die Übung am Abend für abgebrochen erklärt werden musste. Und zwar so resolut, dass FCA-Sportchef Sandro Burki am Freitagmorgen gegenüber der NZZ bestätigte, dass Rahmen trotz Basler Werben Trainer des Aargauer Challenge-Ligisten bleibt.

Wenn es ein Club wie der FC Basel nicht schafft, einen willigen Trainer wie den Basler Rahmen von Aarau wegzulotsen, dann hat man entweder ganz vieles falsch gemacht oder wurde in den eigenen Reihen nicht geschlossen in ein und dieselbe Richtung gearbeitet.

Eine SMS, die Marco Streller bereits vor der offiziellen Bestätigung innerhalb des Clubs verschickte und die dem «Blick» zugespielt wurde, lässt auf Zweites schliessen: Er begründet seinen Entscheid mit Geschehnissen, die er nicht akzeptieren könne. Dass er damit Dinge rund um die von ihm forcierte und schliesslich geplatzte Rahmen-Verpflichtung anspielt, ist klar.

Aus dieser Optik hat Streller einen internen Machtkampf verloren. Entweder direkt gegen Burgener, der ihn zum Bleiben überreden wollte – oder gegen andere Entscheidungsträger innerhalb der Holding- und AG-Verwaltungsräte. Dass er aus dem Scheitern mit Rahmen die Konsequenzen zieht, ist richtig.

Es dürfte auch hie und da für Erleichterung sorgen, weil Streller als erstes Gesicht des Clubs einigen als Hauptschuldiger für die Entwicklung der letzten zwei Jahre galt. Doch diese Sichtweise greift zu kurz. Dass Streller als Sportdirektor Lehrgeld zahlte und einige Fehler machte, wird nicht einmal von ihm selbst bestritten. Doch mit der jüngsten Explosion infolge einer Fehlzündung geht viel Schaden einher: Die vergangenen Wochen des rotblauen Schweigens, bei dem doch immer wieder etwas durchsickerte, haben mehr denn je zutage gefördert, dass in diesem Club mehr im Argen liegt als nur die Besetzung des Sportchef-Postens.

Die Führungsgremien präsentieren sich – wohl gerade weil alle Personen in irgendeiner Form von Burgener abhängig sind – als äusserst heterogen. Die Kompetenzen sind zu wenig klar definiert, die gemeinsame Richtung zum Wohle des Clubs scheint durch die Verfolgung von Partikularinteressen immer wieder in den Hintergrund zu treten.

Anders ist nicht zu erklären, wie es zu dieser spektakulären Wende kommen konnte. Und anders ist auch die Tragikomödie nicht zu erklären, die der FC Basel seit einigen Wochen aufführt. Ob Präsident, CEO (Roland Heri) oder Sportdirektor: Jeder in den drei wichtigsten Positionen hätte wissen müssen, dass man bereits mit Saisonschluss eine Entscheidung in Sachen Marcel Koller hätte treffen und – aufgrund der vorangegangenen, interpretierbaren Äusserungen – auch in jedem Fall hätte kommunizieren müssen. Mit dem, was stattdessen geschah, gab man ein höchst unprofessionelles Bild ab. Man destabilisierte nicht nur Koller massiv, sondern verunmöglichte mit dem wochenlangen Zaudern auch, dass ein allfälliger neuer Trainer als Lösung verkauft werden kann, hinter der alle Entscheidungsträger hundertprozentig stehen.

Dazu passt, dass die überraschende Streller-Personalie die einzige ist, die bereits verkündet werden konnte. Es ist weder klar, wer auf ihn folgt, noch, wer am Dienstag das noch immer nicht terminierte erste Training leitet. Mitgeteilt ist nur, dass zu Wochenbeginn eine Medienkonferenz stattfinden wird.

Absehbar ist trotzdem, dass der Mann weiterarbeitet, der durch die Ereignisse der vergangenen Wochen eigentlich demontiert worden ist: Marcel Koller. Wenn es so kommt, wird er aus einer schwachen Position starten. Denn jeder weiss nun, dass sein Wirken auch auf FCB-Führungsebene aus bekannten Gründen (Fussballphilosophie, Jugendförderung, Rückhalt in der Mannschaft) von grossen Bedenken begleitet wird.

Probleme sind damit folglich so wenige gelöst wie mit Strellers Demission. Ändern kann sich dies nur, wenn an der Führungsstruktur im Club Korrekturen vorgenommen werden. Denn die jüngste Episode hat zwei Dinge gezeigt: Der FC Basel muss den Posten des Sportdirektors so definieren, dass dessen Kompetenzen weiter reichen als bisher. Und er braucht neue Inputs. Es wäre deshalb wichtig und richtig, wenn der neue Sportchef von aussen kommt.


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