Presseschau

Basler Zeitung vom 18.06.2019

«Das sind Symptome einer Führungskrise»

Kommunikationsberater Andreas Bantel über die jüngsten Auftritte der FCB-Führung und die Tücken im Fussballgeschäft.

Wie beurteilen Sie die vergangenen Tage in Sachen Kommunikation beim FC Basel?

Der FCB zeigt das Bild eines in der Ecke stehenden Clubs, der nach vorne flüchten will. Bloss: In der Ecke gibt es kein solches Vorne. In einer solchen Situation als Präsident ein Interview zu geben, würde ich zurückhaltend als mutig bezeichnen.

Weshalb?

Jede Antwort ist potenziell die falsche. Besonders heikel ist es, offensichtlich missglückte Führungsentscheide rechtfertigen zu wollen. Hier hat das Vorgehen eine Kontroverse ausgelöst, ein Entscheid musste scheinbar gar rückgängig gemacht werden. Das hat dann erwartungsgemäss die Clubleitung gespalten. Bei allem Respekt: Das sind Symptome einer Führungskrise.

Was hätten Sie geraten?

Als Kommunikationsberater ist man hier der falsche Mann. Wenn die Führung nicht stimmt, ist die Kommunikation eine Mission Impossible. Hier stellen sich Fragen wie: Kann ich dahinter stehen? Bin ich Teil der Lösung oder Teil des Problems? Schliesslich auch: Sollte ich gehen?

Angenommen, Sie bleiben. Was wären Ihre Optionen?

Ich kenne die Internas nicht. Allgemein gesprochen: Man muss der Sache auf den Grund gehen, unangenehme Frage stellen und die dazugehörigen Antworten nicht scheuen. Nach aussen ist Schweigen die einzige Option. Klar ist: Ein präsidiales Interview hat in einer solchen Situation keinen erkennbaren Nutzen.

Es scheint, als habe der FCB die Wucht der Emotionen unterschätzt.

Ich habe den Eindruck, dass der Präsident, ein erfolgreicher Geschäftsmann notabene, den grossen Unterschied zwischen Fussball und der klassischen Geschäftswelt unterschätzte. Hier trennen sich Welten. Kommunikation im Sport ist etwas vom Schwierigsten, was es überhaupt gibt. Die Wirtschaft soll Leute ernähren, der Fussball soll sie unterhalten. Die Fans investieren für ihren Club ihr eigenes Geld, sie verstehen sich als die wahren Eigentümer. Das heisst auch, dass sie etwas dafür erwarten. Und für die Kommunikation besonders wichtig: Der Fussball ist brutal transparent. Da wird das Scheitern, da werden Niederlagen vor der ganzen Sippe in Sekundenschnelle und ohne Halbheiten offengelegt. Mit dieser Transparenz und den daraus entstehenden Emotionen umgehen zu können, ist die grosse Kunst.

Gewöhnliche Unternehmenskommunikation ist in der Regel eher um das Gegenteil bemüht, um Intransparenz und Verschleierung.

Dieser Versuchung unterliegen leider viele Unternehmen. Der Fussball funktioniert anders. Ein Beispiel: Wirtschaftlichen Misserfolg zu verschleiern, ist eben viel einfacher als eine fussballerische Pleite. An einem 0:3 gibt es nichts zu deuteln, ein Rückgang der Ebitda-Marge um 1,3 Prozent lässt sich da viel leichter verwedeln.

Dann kommt diese Art von Kommunikation im Sport an ihre Grenzen?

Wer im Sport mit Instrumenten der Wirtschaftskommunikation hantiert, wird die Fans verärgern und schliesslich scheitern. Fans verstehen sich als die wahren Eigentümer, auch wenn sie keine Aktien besitzen. Anteilmässig investieren sie oft vergleichbare Beträge ihres Einkommens wie die Aktionäre. Dies zu respektieren, gehört ins Zentrum jeder Clubkommunikation.

In anderen Worten: Der FCB versteht seine Fans nicht?

Möglicherweise, da bin ich zu wenig nahe dran. Auf jeden Fall offenbarte der FC Basel in den letzten Wochen eine Krise in der Führung, die er nun lösen wird.

Macht Misserfolg besonders empfänglich für schlechte Kommunikation?

Niederlagen oder gar Abstiege sind für Fans eigentliche Nahtoderlebnisse. Hier zu kommunizieren, ist extrem heikel. Verschiedene Schweizer Vereine haben hier Verbesserungspotenzial. Es fehlt ihnen an Empathie, manchmal ergeben sich auch Fehler aus Überlegenheitsgefühlen und mangelndem Respekt.

Eine weitere Eigenschaft des Fussballgeschäfts sind Intrigen und Informationslecks – wie man beim FCB sehen konnte.

Fussballclubs sind weniger hierarchisch geführt als Wirtschaftsunternehmen, sie sind fast schon eine Art Sippschaft, die keine klassische Hierarchie kennt. Mehr Leute haben Zugang zu Informationen – da entstehen immer Intrigen und Leaks. Sie vermeiden zu können, ist daher unrealistisch. Daher braucht ein Präsident oder ein Sportchef zwangsläufig eine dicke Haut. Ich rate ihnen, dass sie diese Phasen und eine Schädigung der eigenen Reputation kurzfristig aushalten. Hier gilt: Wer die Hitze nicht erträgt, hat in der Küche nichts verloren.

Christian Zürcher


www.baz.ch

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