Presseschau

Basler Zeitung vom 22.06.2019

Alles Verlierer – bis auf Roland Heri

FC Basel: Präsident Bernhard Burgener gibt ein jämmerliches Bild ab. Bei Personalentscheidungen greift er regelmässig daneben.

Beginnen wir die Aufarbeitung einer aufregenden FCB-Woche mit einer Pointe: Marco Streller feierte am Dienstag seinen 38. Geburtstag. Just am gleichen Tag versuchte Bernhard Burgener an einer viel beachteten Medienkonferenz im St.-Jakob-Park verzweifelt zu retten, was nicht mehr zu retten war nach diesen vielen Kommunikationspannen, die jeder Beschreibung spotten. Ein Sportchef, der clubintern unfein ausgebremst wurde, und ein Präsident, der vor den Mikrofonen ein jämmerliches Bild abgab: Man muss weit zurückblättern, um sich an eine ähnliche Krise rund um die rotblauen Fussballer erinnern zu können. Für einen Berufsbasler wie Marco Streller, der das FCB-Logo im Herzen trägt, gibt es zweifellos schönere Wiegenfeste.

Der ehemalige Topstürmer ist als Sportchef gescheitert, weil er drei der wichtigsten Eigenschaften, die eine Führungsperson mitbringen muss – Autorität, Entscheidungskraft, Durchsetzungsvermögen – nicht oder nur teilweise mitgebracht hat. Als Posterboy und Gesicht des «neuen» FC Basel konnte er sich in den letzten zwei Jahren nicht profilieren. In den entscheidenden Phasen der Transferzeit kam er jeweils zu spät – teilweise durch eigenes Verschulden, teilweise, weil er von einem Führungsgremium gebremst wurde, in dem jeder seine eigenen Interessen verfolgte. Dass Streller seinen Platz im FCB-Verwaltungsrat behält, ist inkonsequent und schürt höchstens den Verdacht, Bernhard Burgener verkaufe weiter das Bild der heilen FCB-Welt.

Dabei war die geplante Trainer-Rochade von Marcel Koller zu Patrick Rahmen längst kein Alleingang Strellers. Das ganze Gremium war in den Plan eingeweiht, der im Kern richtig gewesen wäre. Koller ist als Trainertyp der älteren Generation überholt. Er hat keinen Draht zu den jüngeren Spielern und vor allem: Die Mannschaft steht nicht hinter ihm. Kurzfristig mag das gehen, da liegt auch mal eine Cuptrophäe drin. Auf die Dauer einer ganzen Saison jedoch verliert der Coach sein Spiel, wenn die kurz behosten Angestellten nicht voll mitziehen. Auf dem Podium am Dienstag wirkte Koller wesentlich professioneller als Burgener, der sichtlich um Worte rang. Kunststück: Wie will man dem Plenum erklären, keine Schokolade gegessen zu haben, wenn der ganze Mund braun verschmiert ist?

Es ist Bernhard Burgeners gutes Recht, dann öffentlich aufzutreten, wann er will. Er hat den Club gekauft, übrigens mit dem Segen der FCB Familie an der ausserordentlichen Generalversammlung 2017. Es ist sein Geld, er trägt die Verantwortung, er haftet im Schadensfall. Doch statt sich mit griffigen Worten zu erklären, beging er am Dienstag eine kommunikative Todsünde, als er von Fake News und Unwahrheiten schwadronierte. So reden jene, die keine Argumente mehr haben. Die Tonspur ist altbekannt: Je schlechter es läuft, desto grösser ist die Schuld der Medien. Burgener redete wie ein Mensch, dem Fakten egal sind. Gerade in seiner zweijährigen Amtszeit lohnt es sich jedoch, bei den Tatsachen zu bleiben: Unter dem Mehrheitsaktionär hat sich die finanzielle Situation klar verschlechtert – von Januar 2017 bis Dezember 2018 gab der FC Basel 20 Millionen Franken mehr aus als er einnahm. Er hat dabei zweimal deutlich den Meistertitel verpasst. Beide Male gegen YB, zuletzt mit 20 Zählern Rückstand. Er hat im August 2018 den Sprung in die Gruppenphase eines europäischen Wettbewerbs kläglich verpasst. Die Zahl der Dauerkartenbesitzer ging weiter zurück, und die No-Show-Raten stiegen. Jüngst wollte er erneut den Trainer wechseln – nach Urs Fischer, Raphael Wicky und Marcel Koller bereits zum dritten Mal seit dem Frühling 2017.

So etwas geschieht nicht einfach, weil es die Medien nicht gut mit einem meinen. Und es ist auch nicht das Ergebnis eines falsch eingekauften Stürmers oder Verteidigers. Sondern es sind die Folgen der Arbeit, die in der Clubführung geleistet wird. Entsprechend hoch ist beim FCB die Fluktuation auf den wichtigsten Positionen: Von jenem Verwaltungsrat der FC Basel 1893 AG, der im Sommer 2017 auf Heusler, Heitz & Co. folgte, sind neben Mehrheitsaktionär Burgener nur noch Massimo Ceccaroni und – pro forma – der tief enttäuschte, entmachtete Marco Streller dabei.

Die Wahl von Jean-Paul Brigger als VR-Delegierter war ein Flop. Auch Patrick Jost, der Mann aus dem Marketing, ist längst Geschichte. Zu reden gab der Abgang von Alex Frei. Der einstige Torjäger und Charakterkopf wies intern oft auf Missstände hin. Doch als gebranntes Kind aus seiner Zeit beim FC Luzern sucht er nicht mehr das Licht der Öffentlichkeit – der Baselbieter konzentriert sich lieber auf seine Trainerkarriere. Als Frei sah, wie sich die Dinge entwickelten, gab er rechtzeitig seinen Rücktritt aus dem VR. Die einen werfen ihm nun Feigheit vor, weil er das sinkende Schiff verliess, andere preisen seine Klugheit. In Wahrheit führt Alex Frei einfach seine eigene Agenda – er will eines Tages Cheftrainer werden.

Brisant ist auch die Personalie Ceccaroni. Der Nachwuchschef ist im St.-Jakob-Park viel weniger präsent, seit er der neue Beauftragte des umstrittenen Indienprojekts ist. Mit zwei Hüten auf dem Kopf lebt es sich nicht leichter, und clubintern ist Ceccaronis Standing zuletzt rapid gesunken: Die Nachwuchsabteilung produziert momentan mehr verbrannte Erde als blühendes Frischgemüse, die Talentfabrik hat längst Sommerpause.

Unter diesen vielen Verlierern, Abgesprungenen und Zurückgebundenen schält sich ein Sieger hervor: Roland Heri. Vor zwei Jahren war er noch ein unbekannter Amateurfunktionär, nun ist er neben Burgener der starke Mann im Joggeli. Ganz anders als Streller hat er die abstruse Trainer-Nichtentlassung scheinbar keimfrei überstanden – und mehr: Er hat den Machtkampf gegen Streller gewonnen, ist nun aktuell auch der Endverantwortliche in sportlichen Fragen und dürfte in Zukunft als CEO – anders als zuvor – der klare Vorgesetzte des neuen Sportchefs sein, der seit gestern Ruedi Zbinden heisst. Das bringt uns zur nächsten Pointe: Es war der zurückgetretene Sportchef Streller persönlich, der in den letzten 24 Monaten alles tat, um Heri zu portieren. Nun war es Heri, der Streller in der Causa Koller nicht zur Seite stand, was letztlich so viel negative Kraft entfaltete, dass ein beschlossener Trainerwechsel rückgängig gemacht und der Sportdirektor ausgehebelt wurde.

Solange jeder Entscheidungsträger oder Funktionär beim FC Basel seine eigenen Interessen verfolgt, solange wird Bernhard Burgener mit seinem FC Basel keinen dauerhaften Erfolg haben. Fake News, Lügenpresse, Unwahrheiten – das sind nichts mehr als plumpe Versuche, vom Kern des Übels abzulenken. Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut, das Bernhard Burgener als Clubbesitzer vertreten muss. Glaubwürdigkeit ist auch das höchste Gut, das jede Zeitung vertreten muss. Daran sollte sich der Unternehmer aus Zeiningen erinnern, wenn er das nächste Mal vor den Mikrofonen sitzt.

Die nächsten Wochen werden zeigen, wie die Kräfte der neuen Machtverhältnisse im St.-Jakob-Park tatsächlich wirken. Immerhin: Ruedi Zbinden, im Scouting-Bereich ein König, könnte ein fähiger Nachfolger Strellers als Sportchef werden.

Marcel Rohr Chefredaktor BaZ


www.baz.ch

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