Presseschau

Basler Zeitung vom 28.06.2019

Krönung mit Risiko-Potenzial

Für Valentin Stocker ist die Ernennung zum Captain der Basler das i-Tüpfelchen seiner rot-blauen Karriere. Die Entscheidung von Trainer Marcel Koller kann aber auch für Probleme sorgen.

Tilman Pauls, Rottach-Egern

Als Valentin Stocker die Namen aller Captains aufzählt, unter denen er in seiner Karriere schon gespielt hat, hört es sich an wie das Best-of der jüngeren Basler Vereinsgeschichte. Ivan Ergic, Franco Costanzo, Marco Streller, aber auch Namen wie Daniel Majstorovic, Scott Chipperfield, Beni Huggel oder Alex Frei. Und jetzt gehört er plötzlich auch dazu: Valentin Stocker.

Als der 30-Jährige seinen kurzen Ausflug in die Vergangenheit abgeschlossen hat, sagt er: «Für meine Karriere ist es das i-Tüpfelchen, bei meinem Herzensverein Captain zu werden.» Man könnte Stockers Stolz in diesem Moment in Flaschen abfüllen und für einen stolzen Preis verkaufen. Dabei hat er selbst schon etwas länger geahnt, dass er der Nachfolger von Marek Suchy werden könnte.

Schon Ende letzter Saison hatte Trainer Marcel Koller das Gespräch mit Stocker gesucht. Um das Captain-Amt ging es dabei nie konkret, aber natürlich hat Stocker die Zeichen richtig gedeutet und sich Gedanken gemacht. «Ich bin nicht in die Ferien gegangen und habe gedacht: Wow, ich werde es. Aber ich hatte eine Ahnung, dass die Chance besteht.»

Flache Hierarchien

In den ersten Tagen der Vorbereitung hatte sich der Austausch zwischen Koller und Stocker dann weiter intensiviert, ehe der Club am Mittwochabend verkündete: Der 30-Jährige wird der neue Captain, an seiner Seite stehen die Assistenten Taulant Xhaka und Jonas Omlin.

Es gibt unzählige gute Argumente für diese Wahl. «Ich denke, mein Leistungsausweis für den FC Basel ist nicht der schlechteste», sagt Stocker, was man angesichts von 302 Einsätzen, 6 Meisterschaften und 4 Cup-Siegen unmöglich verneinen kann. Dazu hat Stocker so viele wichtige Tore erzielt, dass man sich gar nicht entscheiden mag, welches davon wohl das wichtigste war. Kaum einer aus dem aktuellen Kader wird so sehr mit dem FC Basel assoziiert wie er – trotz seines «falschen» Geburtsortes. Und trotzdem birgt die Entscheidung von Trainer Marcel Koller ein gewisses Risiko-Potenzial.

Stocker wird sich für seine Mannschaft einsetzen, für gemachte Fehler die Verantwortung übernehmen und für die jungen Spieler da sein, wenn es ihn braucht. Ganz sicher. «Ich bin ein Freund von flachen Hierarchien. Es ist mein Wunsch, dass auch ein junger Spieler zu mir kommen kann, wenn er ein Problem hat oder Kritik äussern will.» Aber ganz so uneitel, wie er selbst behauptet, ist auch Stocker nicht.

Der 30-Jährige ist ein Spieler mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Und es gibt genügend Beispiele, in denen er auch durchaus unzimperlich dafür eingetreten ist, wenn er sich nicht gerecht behandelt fühlte. Man denke nur zurück an die Ära unter Murat Yakin, als Stocker mehr oder weniger offen die Verfehlungen des Trainers anprangerte bzw. dessen Einfluss öffentlich ignorierte. Oder auch an den letzten Herbst, als er als Mitglied des Spielerrats ebenso den Gang zu Sportchef Streller und Präsident Burgener suchte.

Unterschiedliche Wege

Stocker ist nicht nur ein einfacher Spieler. Selbst zu Marco Streller ist das Verhältnis längst nicht mehr so innig wie früher. Und wenn er von flachen Hierarchien und einer kollektiven Verantwortung aller Spieler spricht, dann hat er schon jetzt eine grosse Aufgabe vor sich – nämlich seine Beziehung zu Fabian Frei. Stockers Krönung lässt sich nicht ohne Freis Herabstufung erklären. Dafür sind die beiden zu viele Jahre Seite an Seite durch ihre Karrieren gegangen. Im Wohnheim des FCB haben sie sich kennen gelernt, sie waren erst Mitspieler, dann Jassfreunde, später Champions-League-Helden, und am Ende war der eine dann der Trauzeuge des jeweils anderen. Wie unterschiedlich die beiden jedoch sind, wurde erst nach ihrer Rückkehr so richtig offensichtlich.

Fabian Frei war nach seiner Zeit in Mainz immer noch der Frei, wie man ihn vor seinem Abgang kannte: zuverlässig, wortgewandt, anspruchsvoll. Valentin Stocker hingegen hatte sich und seinen Horizont in Berlin spürbar verändert. Und inzwischen hat die einst so enge Beziehung zwischen ihnen vieles, vielleicht sogar alles an Vertrautheit verloren.

Nach der Ernennung Stockers zum Captain haben die beiden nicht mal darüber gesprochen, wie es dem jeweils anderen damit geht. «Ich denke, es ist alles in Ordnung», sagt Valentin Stocker. Insgeheim weiss er aber wohl, dass es nicht so ist. Aber Stocker und Frei sind zwei zu grosse Namen in der Geschichte des FC Basel, als dass eine grosse Spannung zwischen ihnen keine Auswirkungen auf das Team haben würde.

Und als Captain muss Valentin Stocker nun ganz genau darauf achten, dass dieser Umstand für den FCB nicht zu einem Problem wird.


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