Presseschau

Basler Zeitung vom 19.08.2019

Mehr Aufregung als erwartet

Weil Marcel Koller mit dem Bike stürzt, reist der FCB ohne seinen Trainer an den Genfersee – und besiegt dann Pully im Cup erst, als er in Unterzahl agiert.

Oliver Gut, Pully

Es heisst, der Cup habe seine eigenen Gesetze und schreibe seine eigenen Geschichten. Es sind Floskeln, die keiner hören will. Doch es sind auch Floskeln, die sich manchmal bewahrheiten. Das erste Spiel, das der FC Basel im Schweizer Cup Ausgabe 2019/20 bestritten hat, lieferte jedenfalls Floskelfutter. Denn obwohl der Titelverteidiger am Ende einigermassen standesgemäss mit 4:1 in Pully siegt und nun in der zweiten Runde auf den Erstligisten Meyrin trifft, hat sich dieser Samstag um einiges aufregender entwickelt, als das bei einer Affiche «Regionaler Zweitligist gegen Super-League-Spitzenclub» erwartet wird.

Das beginnt schon vor dem Anpfiff, als der Cup eine eigene Geschichte schreibt, ohne dass er etwas dafür kann: Rotblau ist ohne Trainer unterwegs. Und anders als 2013, als Murat Yakin lieber in Bulgarien Rasgrad beobachtete, als seine Mannschaft im Cup-Derby auf der Schützenmatte gegen die Old Boys zu betreuen, ist dies unbeabsichtigt.

Koller ist zuvor beim Biken auf dem Gempen mit hohem Tempo gestürzt und liegt im Spital. Er hat sich Bänder an der Schulter gerissen und das Schlüsselbein gebrochen. Eine Operation dürfte unumgänglich sein; seiner Mannschaft sollte er allerdings spätestens am Samstag beim Ligaspiel in Neuenburg wieder zur Verfügung stehen.

An seiner Stelle ist in Pully Assistenztrainer Thomas Janeschitz der Chef, der den Gesetzen des Cups trotzt. Ein solches besagt, dass der Aussenseiter hochmotiviert in die Partie steigt. Symbolisch dafür steht bei Pully Football Hervé Rickli: Im Frühjahr hat der Stürmer seine Aktivkarriere beendet – und diesen Entscheid revidiert, als das Cup-Los den FCB bescherte. Im November 40, rennt er in seinem erklärten Abschiedsspiel 90 Minuten lang rum. Meist erfolglos. Aber einmal auch so, dass die Welt kurz aus den Fugen gerät: In der 45. Minute muss FCB-Goalie Nikolic in extremis vor dem Routinier klären und gelangt D’Alessandro so zum Nachschuss, dass eine Glanzparade nötig ist. Diese zeigt nicht Nikolic, sondern Aussenverteidiger Raoul Petretta, der den Ball vor der Torlinie mit der Hand abwehrt. Die Folge: Rote Karte, Elfmeter, Ausgleich – und ein FCB, der fortan in Unterzahl agiert.

Kamberi auf dem Radar

Das hat Auswirkungen, die für Rotblau positiv sind. Der FCB ist 45 Minuten lang so zu Werke gegangen, als ob man für eine Runde Strandfussball an den Genfersee gereist wäre. Nun nimmt er die Aufgabe ernst. Bereits in der 48. Minute hat alles seine Ordnung und Kevin Bua seinen zweiten Treffer erzielt. Vorbereitet wird dieser von Afimico Pululu, der den Part des Mittelstürmers spielt und einzig in dieser Szene glänzt. Seine Leistung ist ein Argument, nach dem Verkauf Ajetis und dem Ausfall Van Wolfswinkels nach einem gestandenen Stürmer zu fahnden. Das tut der FCB offenbar in Schottland, wo man dem Hibernian FC gemäss «Record Sport» zwei Millionen Pfund für den Schweizer Angreifer Florian Kamberi geboten haben soll. FCB-Sportchef Ruedi Zbinden sagt dazu lediglich, dass man den Spieler schon länger beobachte.

In Pully ist Flügelangreifer Bua für die Tore zuständig. In der 81. Minute trifft er zum dritten Mal und macht klar, dass der Cup zwar eigene Gesetze haben mag und Geschichten schreibt, aber deswegen nicht sämtliche Gesetzmässigkeiten automatisch ad absurdum geführt werden.


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