Presseschau

Basler Zeitung vom 30.09.2019

Das sind die Minenfelder nach dem Degen-Deal

Mit dem Einstieg des ehemaligen Spielers beim FC Basel sind viele offene Fragen verbunden.

von Florian Raz

Eines kann man David ­Degen nicht vorwerfen: dass es in seiner Umgebung je langweilig ­geworden wäre. Egal, ob als Spieler, der auf dem Platz mit unbändigem Offensivdrang auftrat. Und daneben mit einem bewundernswerten Selbstvertrauen, das ihn mehr als einmal auf Konfrontationskurs mit Trainern und Mitspielern brachte. Oder später als Geschäftsmann mit vielen Ideen. Und bis vor kurzem als Spielerberater mit grossem Expansionsdrang.

Degen versprüht den Charme des ewigen Lausbuben. Er nimmt die einen mit seinem übersprudelnden Wesen für sich ein – und schreckt zugleich die anderen damit ab. Degen polarisiert zu sehr, um eine Identifikationsfigur zu sein wie etwa Marco Streller, der bei allem Überschwang auch immer eine gewisse Demut ausstrahlte.

Wo David Degen ist, da ist auch immer viel Energie und Bewegung. Und stets ein gewisses Mass an Aufregung. Legendär ist der Satz über die Zwillinge David und Philipp Degen, den der damalige FCB-Trainer Christian Gross 2005 mitten in die Vorweihnachtszeit platzen liess: «In der Erziehung bei den Degens ist einiges verpasst worden.» Die Brüder waren von dieser öffentlichen Demütigung schwer getroffen.

2014 wurde ihnen von einem Spielerberater vorgeworfen, sie hätten ihren damaligen Teamkollegen Fabian Schär dazu gedrängt, die Agentur zu wechseln. Im selben Jahr wurde eine Betreibung bekannt, die David Degen gegen den Nestlé-Erben Patrick Liotard-Vogt eingeleitet hatte.

Beide Fälle wurden schliesslich stillschweigend geregelt. Aber sie waren zuvor öffentlich geworden und hatten für Schlagzeilen gesorgt. Das ist auch eine der fünf wichtigsten Fragen, die sich nun stellt, da David Degen von FCB-Besitzer Bernhard Burgener zehn Prozent der Aktien der FC Basel Holding AG gekauft hat:

1. Wie ruhig kann David Degen sein?

Der FCB hat eben erst eine Krise überstanden, in der fast im Minutentakt Interna an die Medien weitergereicht wurden. Eigentlich müsste es nun im Sinn des Clubs sein, wieder Ruhe einkehren zu lassen. Wer schon einmal Degen auf der Tribüne eines Fussballstadions erlebt hat, weiss aber: Es gehörte zumindest bis vor kurzem nicht zu seinen Kernkompetenzen, auf den Mund zu sitzen.

Nur deswegen konnte es bei der Pressekonferenz zu seinem FCB-Einstand zu einer peinlichen Szene kommen: Ein Journalist des «Blicks» konfrontierte Degen damit, er habe ihm gegenüber die Basler Assistenztrainer auch schon als «Oberwürste» bezeichnet. Andere Medienleute erinnern sich, dass sich Degen auch schon sehr kritisch über Basels Cheftrainer Marcel Koller geäussert hat. Davon will Degen heute nichts mehr wissen. Koller mache «sehr gute Arbeit», erklärt er: «Damit ist alles gesagt.»

Will der FCB nicht wieder chaotische Tage erleben, wird Degen lernen müssen, seine Meinungen nicht mehr in die Öffentlichkeit zu tragen.

2. Sind die 10 Prozent Aktien nur der Anfang?

Wer sich in der Branche umhört, bekommt vor allem eines zu hören: Eine Minderheitsbeteiligung von zehn Prozent an einem Schweizer Club macht eigentlich keinen Sinn. Gewinne sind kaum zu erwarten. Und Clubs mit mehreren Aktionären wie etwa die Grasshoppers oder der FC Luzern krankten in der Vergangenheit immer wieder an Uneinigkeit in der Führung.

Degens Einstieg macht also eigentlich nur Sinn, wenn er plant, dereinst mehr Aktien zu kaufen. Will er den FCB später einmal ganz übernehmen? Besitzt er eine Option auf den Kauf weiterer Aktien von Burgener? Diese Fragen liess Degen an der Pressekonferenz unbeantwortet.

Burgener ist dem Vernehmen nach rechtlich frei darin, an wen er die Aktien der Holding verkauft. Er hat allerdings vor seinem Amtsantritt vor über 2300 Anwesenden das Versprechen abgegeben, die Clubmitglieder über einen Besitzerwechsel abstimmen zu lassen.

3. Woher kommt das Geld für die Beteiligung?

Der Kaufpreis für die zehn Prozent ist geheim. Wer auf 1,5 bis 2 Millionen Franken tippt, dürfte aber nicht weit von der Wahrheit entfernt sein. Degen erklärt, dass er die Aktien mit seinem privaten Geld gekauft habe: «Glauben Sie mir, ich habe in meiner Karriere genügend verdient.»

Darüber, wie vermögend ­David Degen ist, kann nur spekuliert werden. Sicher hatte er als Fussballer die weniger lukrativen Verträge als sein Bruder Philipp. Er begann aber schon sehr früh in seiner Karriere damit, sein Vermögen anzulegen.

Gemeinsam besitzen die Zwillinge zwei Immobilienfirmen mit Liegenschaften in La Chaux-de-Fonds und in der Nordwestschweiz. Eine riskantere Geschäftsidee, das Bonussystem Cresqo, überlebte nur knapp ein Jahr. «Ich habe einiges mit Erfolg gemacht, anderes ohne Erfolg», sagt David Degen, «aus beidem lernt man.» Über die gemeinsam aufgebaute Spielerberater-Agentur SBE sagt er: «Wir haben noch nie Geld aus der Firma genommen.»

Ob Degen auch genügend Kapital hat, um ein Millionendefizit aufzufangen, das bei einem Schweizer Fussballclub nie auszuschliessen ist? Er sagt: «Ich kann ja nicht Aktionär werden und die Risiken nicht mittragen.»

4. Wie sehr redet Degen bei den Transfers mit?

Degen will beim FCB «nur strategisch» aktiv sein und nicht ins Tagesgeschäft eingreifen. Das betont er, das betont der Club selber. Also wird Degen auch nicht Mitglied der Technischen Kommission, in der über die Zusammenstellung des Kaders bestimmt wird.

Und doch ist allen im Club klar, dass Degen bei Transfers ein gewisses Mitspracherecht besitzt. Und so betont der Basler CEO Roland Heri: «Am Ende verantwortet Sportchef Ruedi Zbinden das Kader.» Um im selben Atemzug das Offensichtliche zuzugeben. Nämlich, dass Degen als Mitbesitzer in der Technischen Kommission «eine gewisse Stimme» habe.

Das kann zu einer schwierigen Gemengelage führen. Ein Aktionär, der nur strategisch tätig sein will – aber doch irgendwie ein klein wenig mitredet, wenn es um Transfers geht?

Das klingt nach einem Konflikt, den der FCB kennt: Auch Präsident Burgener betonte öffentlich immer wieder, wie sehr er seinen führenden Mitarbeitern freie Hand lasse. Um dann bei der Verpflichtung von Spielern und Trainern doch stets ein entscheidendes Wörtchen mitzureden. Was im Fall von Sportchef Marco Streller im Sommer mit einem Knall und dem Rücktritt endete.

5. Was läuft mit der Agentur von Bruder Philipp?

Offiziell ist alles einfach: David Degen ist von allen Ämtern bei der Agentur SBE zurückgetreten, die er mit seinem Bruder Philipp gegründet hat. Zudem wurde schriftlich festgehalten, dass er in den Ausstand treten muss, sobald FCB und SBE miteinander zu tun haben.

Aber wie soll diese Trennung im realen Leben aussehen, wo die Zwillinge eine fast symbiotische Beziehung führen? Wie soll bei dieser steten Nähe der eine nicht über Dinge reden, die auch das Geschäft des anderen betreffen? Klar ist: Der FCB muss damit leben, dass ab nun jeder Transfer und jede Vertragsverlängerung von den Medien auf eine Beteiligung von SBE abgeklopft wird.


www.baz.ch

Zurück