Presseschau

Basler Zeitung vom 22.05.2020

Marcel Koller ist ein Trainer auf Zeit

Es ist noch immer nicht öffentlich geklärt, ob der FCB-Trainer über den Sommer hinaus in Basel bleiben wird. Aussagen der Beteiligten deuten aber immer mehr darauf hin, dass sich die Wege trennen werden.

Tilman Pauls

Im August 2018 ist Marcel Koller als Trainer des FC Basel vorgestellt worden. Das war eine grosse Sache damals, immerhin kam da einer zum FCB, dem dank seiner Arbeit in Österreich der nationale Ehrentitel «Wunderwuzzi» aufgedrückt worden war. Entsprechend luxuriös waren die Zugeständnisse, die der Club seinem neuen Trainer machte.

Das fing an beim Lohn, irgendwo zwischen 1,1 und 1,2 Millionen Franken pro Jahr. Es ging über Mitspracherechte in Sachen Transfers - und damit auch um die Einschränkung der Hoheitsgebiete von Sportdirektor Marco Streller. Und selbst bei Detailfragen wie der Medienarbeit entsprach der Verein Kollers Wünschen.

Der Zürcher war nie ein grosser Fan von Einzelinterviews vor und nach den Spielen, so wie es die meisten seiner Vorgänger praktiziert haben. Er wollte bei Pressekonferenzen nicht alles drei-, vier-, fünfmal wiederholen. Und selten wird er sich die Wahrung seiner eigenen Regel so sehr gewünscht haben wie an diesem Mittwoch.

Doch die Corona-Abstandsregeln wollten es so, dass Koller sich nach dem Training seiner Mannschaft mehrmals äussern musste. Auch zu Dingen, zu denen er am liebsten gar nichts mehr gesagt hätte.

«Ich sage es jetzt zum letzten Mal: Es gibt keine Veränderungen. Alles ist gleich wie vor der Pause.» Das war Kollers Antwort auf die Frage nach seiner persönlichen Zukunft, immerhin läuft sein Vertrag ja in knapp einem Monat aus. Das Problem war nur, dass Koller den Satz, den er zum letzten Mal sagen wollte, noch ganz oft wiederholen musste. In die erste Kamera, in die zweite, die dritte. Und dann noch ein paarmal, bis es alle anwesenden Journalisten gehört hatten: Es ist auch knapp fünf Wochen vor dem Ablauf seines Zweijahresvertrages noch immer nicht öffentlich geklärt, ob Koller Trainer der Basler bleibt oder ob er den Verein in wenigen Tagen verlassen wird.

Die Meinungen sind gemacht

Man kann nachvollziehen, dass Koller die Frage selbst nach neun Wochen in der beruhigenden Bündner Bergwelt stört. Nur kann man inzwischen kaum noch unterscheiden, was ihn mehr nervt: Dass er immer die gleiche Antwort geben muss? Oder ob er sich von denen im Stich gelassen fühlt, die dafür sorgen könnten, dass die Fragen aufhören?

Es ist fast beneidenswert, mit welcher Vehemenz der FC Basel sich um eine öffentliche Antwort drückt. Sportchef Ruedi Zbinden sagte am Mittwoch einen vielsagenden Satz: «Ich glaube, alle haben sich bei uns irgendwie eine Meinung gebildet. Aber wir können jetzt einfach nichts sagen. Wir müssen abwarten, ob die Meisterschaft weitergeht.»

Warum abwarten? Die Meinungen sind gemacht. Und wenn es an einem nicht gemangelt hat in den letzten Wochen, dann war es Zeit, um diese auszutauschen. Aber selbst das ist nicht geschehen. Auf die Nachfrage, ob Gespräche stattgefunden hätten, wiederholte Koller zum sechsten (oder siebten?) Mal: «Es ist der gleiche Stand wie vor der Pause.»

Will der Verein nicht mehr sagen? Kann er nicht, weil er die Antwort auf die Frage wirklich noch nicht kennt? Oder hält er sich zurück, weil es diese Klausel gibt, dank der sich Kollers Vertrag im Fall eines Meistertitels automatisch um ein Jahr verlängert?

Ein unnötiges Spiel

Allerdings beantwortete Zbinden die entsprechende Frage, ob der Zürcher bei einem Titelgewinn in der nächsten Saison immer noch FCB-Trainer sei, mit den Worten: «Das wird sich zeigen.» Bei solchen Aussagen werden selbst Trainer hellhörig, die in ihren Karrieren nie als «Wunderwuzzi» bezeichnet wurden.

Es ist ein unnötiges Spiel, das Koller seit fast sechs Monaten mitspielen muss. Im letzten Sommer hat der Verein ihm ja schon mal die öffentliche Rückendeckung verweigert und den Trainer unangenehmen Fragen ausgesetzt. Und inzwischen ist es sogar so, dass der FCB sich mit «Das werden wir sehen»-Aussagen von Koller distanziert.

Man kann sich nach den jüngsten Aussagen jedenfalls keinen glücklichen Ausgang vorstellen, wenn weder Trainer noch Verein Ende Mai nicht ein einziges Wort in diese Richtung äussern.

In anderen Altersklassen scheint das übrigens überhaupt kein Problem zu sein. «Ja, es sieht so aus», sagte Zbinden auf die Frage, ob Alex Frei neuer Trainer der Basler U-21 werde. Auch wenn er nicht den Zusatz vergass, dass diese Entscheidung noch nicht definitiv sei.

Könnte ja sein, dass Alex Frei in ein paar Wochen an einer ganz anderen Stelle gebraucht wird.


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