Presseschau

Basler Zeitung vom 29.06.2020

Kemal Ademi sendet ein Zeichen

Der beinahe in Vergessenheit geratene Stürmer sorgt mit einem Tor und einer Beteiligung für die Entscheidung gegen Sion.

Tilman Pauls

Der Finger auf den Lippen hat sich unter den beliebtesten Torjubeln längst etabliert. Es ist ja auch recht simpel und nicht so kompliziert wie andere Posen: Nach einem Treffer einfach die Hand heben, den Zeigefinger ausfahren und auf die Lippen legen, fertig. Das sieht nicht nur schick aus, sondern transportiert meistens auch eine Botschaft in Richtung der Kritiker, die man mit seinem Treffer hat verstummen lassen. So zumindest die gängige Interpretation.

Auch Kemal Ademi hat sich im Spiel gegen Sion für diesen Klassiker unter den Jubelposen entschieden. In der 86. Minute hat er das entscheidende 1:0 für den FC Basel erzielt. Riveros hatte von links geflankt, Ademi war in der Mitte höher in die Luft gestiegen als Ayoub Abdellaoui, dann war der Ball drin und irgendwie auch klar, dass die Basler diese Partie gewinnen würden.

Ademi legte den Finger auf die Lippen und drehte ab in Richtung Eckfahne. Und wenn man am knapp 20-minütigen Auftritt des eingewechselten Stürmers etwas aussetzen wollte, dann vielleicht diese Szene. Denn wäre ein in die Luft gehobener Zeigefinger nicht passender gewesen? Immerhin hatte Ademi mit seinem Treffer und der Beteiligung am 2:0 allen gezeigt: «Seht her, mich gibt es auch noch».

Es ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, was Ademi in seiner ersten Saison beim FC Basel alles erlebt hat. Gekommen ist er im letzten Sommer von Xamax Neuchâtel und wurde in ein Kader integriert, das mit den Stürmern Albian Ajeti und Ricky van Wolfswinkel gut bestückt war. Doch dann ging Ajeti nach England, bei Van Wolfswinkel wurde ein Hirn-Aneurysma festgestellt, und plötzlich war Ademi FCB-Stürmer Nummer 1.

Nummer 2 hinter Cabral

In seinen ersten zehn Einsätzen in der Liga traf er acht Mal. Und es war durchaus ernst gemeint, als Ademi sich damals für einen weiteren Stürmer starkmachte. Er selbst müsse sich schliesslich auch mal ausruhen. Doch dann kam Arthur Cabral, und von Ademi sah man in der Folge nur noch selten überzeugende Auftritte.

Zehn Tore hat der 24-Jährige insgesamt in der Vorrunde erzielt, das letzte Ende November beim 3:0 gegen Lugano. Seitdem hat Marcel Koller meistens auf Cabral gesetzt, was sich besonders nach der Corona-Pause ausgezahlt hat. Der Brasilianer ist aktuell die erste Wahl des Trainers, weil er Bälle abschirmen kann, seine Mitspieler in Szene setzt und: das Tor trifft.

«Kemal hat eine Position, auf der man viel Kraft aufwenden muss, wenn man gegen zwei Verteidiger spielt», sagte Koller nach dem Sieg gegen Sion. Auch das ist eine Disziplin, in der Cabral Vorteile hat: seine Körpermasse. Doch die Partie gegen Sion hat gezeigt, dass es nicht immer Cabral oder Ademi sein muss. Sondern, dass auch Ademi mit Cabral funktioniert.

Nach Ademis Einwechslung in der 71. Minute standen beide Stürmer auf dem Feld, und Ademi konnte die Situation zu seinen Gunsten nutzen. Erst erzielte er das 1:0. Dann wurde er vor dem 2:0 durch Samuele Campo gefoult und konnte sich dafür eine Beteiligung gutschreiben lassen.

«Ich wusste, dass der Moment kommt, in dem ich dem Team helfen kann», sagte Ademi. Und er liess zwischen den Zeilen erkennen, dass die letzten Monate nicht einfach waren. Zwei, drei Mal sei er darauf angesprochen worden, dass sein letzter Treffer mehrere Monate zurückliege. «Aber ich habe mir keinen Druck gemacht.» Das zahlt sich nun aus.

Ademi hat soeben seine sportlich erfolgreichste Woche des Jahres beendet. Erst die Vorarbeit gegen Xamax. Gegen Sion jetzt ein Tor. Und zwischendurch die Meldung, dass Ademi ab sofort für das Schweizer Nationalteam spielberechtigt ist.

Bis zu einer Nominierung durch Vladimir Petkovic ist es zwar noch ein weiter Weg. Aber für den FC Basel ist es trotzdem eine gute Nachricht, dass Kemal Ademi in der aktuellen Phase wieder jubeln kann, in der alle drei Tage ein Spiel auf dem Programm steht. Ob nun mit Finger oder ohne.


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