Presseschau

Basler Zeitung vom 14.08.2020

Der FCB ist besser als alle anderen Clubs zusammen

Schweizer Europacup-Bilanz

Mit dem Ausscheiden des FC Basel endete am Dienstag das erfolgreichste Europacup-Jahrzehnt der Schweizer Fussballgeschichte. Dafür verantwortlich ist allerdings allein der FCB.

Oliver Gut

Der Schlusspunkt mag ernüchternd gewesen sein. Ein 1:4 in einer Viertelfinal-Partie verströmt für sich selbst wenig Glanz. Und doch ist es eine Tatsache: Mit der Niederlage gegen Schachtar Donezk endete am Dienstag das erfolgreichste Europacup-Jahrzehnt der Schweizer Fussballgeschichte. Ein Jahrzehnt, das dem helvetischen Clubfussball nicht nur eine Halbfinal- und zwei weitere Viertelfinal-Teilnahmen in der Europa League bescherte, sondern auch insgesamt sechs Teilnahmen an der Champions League beinhaltete, die in drei Fällen bis in die Achtelfinals führten.

Die Krux an der Geschichte ist allerdings, dass all diese magischen Europacup-Nächte auf eine einzige Mannschaft zurückgehen: den FC Basel. Einzig der BSC Young Boys darf von all den aufgezählten Erfolgen eine Teilnahme an der Champions League für sich reklamieren, blieb 2018 allerdings chancenlos. Und sonst? Waren für den Rest der Schweizer Vereine die Sechzehntelfinals der Europa League das höchste der Gefühle, die viermal (Young Boys 2010/11 sowie 2014/15, FC Sion 2015/16, FC Zürich 2017/18) erreicht wurden.

Was für alle anderen Schweizer Vertreter das höchste der Gefühle war, bedeutete für den FC Basel im abgeschlossenen Europacup-Jahrzehnt minimale Pflicht: Bei zehn europäischen Anläufen gab es nur zweimal kein europäisches Überwintern. Fünfmal ging es danach in den Sechzehntelfinals der Europa League weiter, wobei dies nur einmal auch Endstation bedeutete. Dreimal warteten die Achtelfinals der Königsklasse.

Es ist dies eine internationale Diskrepanz zwischen dem FCB und dem Rest, die sich auch mathematisch festhalten lässt. Geht es nämlich um die eroberten Koeffizienten-Punkte, welche zusammengezählt und durch die Zahl der Teilnehmer dividiert jenen Fünfjahreswert ergeben, der für die Verteilung der Europacup-Startplätze entscheidend ist, dann spricht die Statistik eine deutliche Sprache: In den vergangenen zehn Jahren hat der FC Basel 152 von 295,5 Schweizer Punkten erobert. Das entspricht 51,4 Prozent und bedeutet: Rotblau war nicht nur nach Top-Ergebnissen, sondern auch in messbaren Zahlen allein besser als der Rest des Landes zusammen.

YB ohne Steigerung

Dass der FCB die klare Schweizer Nummer 1 des vergangenen Jahrzehnts ist, hat seine Logik: Die acht Meistertitel in Serie, die er von 2010 bis 2017 gewann, sind Hinweis auf die Qualität der Basler Mannschaften über einen grossen Zeitraum der beschriebenen Dekade. Logisch ist auch, dass der BSC Young Boys mit einem Anteil von 21,5 Prozent an allen gewonnenen Schweizer Punkten die klare Nummer 2 ist. Nicht erklärt ist damit allerdings die riesige Lücke, die zwischen den beiden klafft. Und vor allem ist nicht erklärt, warum dies auch mit einem Blick auf die aktuellste Fünfjahreswertung der Uefa so ist.

Die Berner haben dem FCB national mit zuletzt drei Meistertiteln klar den Rang als erste Kraft des Landes abgelaufen. Auf internationalem Parkett jedoch hat sich bislang nichts verändert, im Gegenteil: Zwar hat der FCB sich - bedingt durch das Verpassen einer europäischen Gruppenphase 2018/19 - minim verschlechtert (47,8 zu 51,4 Prozent). Parallel dazu blieb der BSC Young Boys europäisch aber ohne jegliche Steigerung. Zwar durfte er in den vergangenen fünf Jahren einmal an der Champions League teilnehmen und Millionen kassieren - europäisch überwintert hat er aber in seiner national bisher stärksten Phase noch nie.

Ob die Berner damit weniger erreichten, als für sie aufgrund ihres Potenzials realistisch gewesen wäre? Zuletzt dürfte diese Aussage stimmen. Über das ganze Jahrzehnt hingegen liegt die Vermutung näher, dass der FC Basel häufig viel besser abschnitt, als es seinem wirtschaftlichen Potenzial entspricht. Entscheidende Siege gegen Clubs wie Manchester United, Liverpool, Tottenham, Zenit St. Petersburg, Benfica Lissabon oder Eintracht Frankfurt sind Ausdruck davon.

Sucht man das Gegenstück des Schweizer Überfliegers, gelangt man hingegen nicht zu YB, sondern zum FC Luzern: Mit sieben Europa-League-Teilnahmen in zehn Jahren sind die Zentralschweizer die Nummer 3 der vergangenen Dekade. Kein einziges Mal jedoch schafften sie es in eine internationale Gruppenphase. Mit durchschnittlich 0,8 Punkten pro Europacup-Teilnahme schnitten sie europäisch schlechter ab als jeder andere Schweizer Teilnehmer.

Basel mit Substanzverlust

Dass der FC Basel - der als einziger Club jedes Jahr europäisch gespielt hat - mit durchschnittlich 15,5 errungenen Zählern klar besser dasteht als alle anderen, versteht sich. Dass er in den vergangenen fünf Jahren nachgelassen hat (12,6), ist allerdings Hinweis darauf, dass es für den FCB mit seinem zunehmenden Substanzverlust immer schwieriger wird, Ausreisser nach oben zu schaffen - und dass die Wahrscheinlichkeit eines frühen Scheiterns wie im August 2018 zunimmt.

Das wiederum müsste der ganzen Swiss Football League zu denken geben. Zumindest dann, wenn der Blick zurückgeht: Nie gelang es den übrigen Clubs, einen Basler Rückschlag parallel aufzufangen. Tatsächlich wurde von den übrigen, meist vier Teilnehmern gar nur viermal der jährliche FCB-Durchschnittswert von 15,5 Punkten erreicht.

Folglich wirkte sich die FCB-Performance - systembedingt mit einjähriger Verzögerung - auf die Ausgangslage der Schweizer Clubs im Europacup aus. Mitte des Jahrzehnts war dieser Effekt positiv, als man sich primär dank der Basler Erfolge bis zu Beginn der Saison im Länder-Ranking der Uefa sukzessive von Platz 16 auf Platz 11 hinaufspielte.

Zuletzt jedoch bekam die Swiss Football League die Kehrseite des rotblauen Klumpenrisikos zu spüren: Mit einer mässigen Champions-League-Kampagne 2016 und dem ungewohnten Qualifikations-Aus 2018 in der jeweiligen Fünfjahresrechnung ging es für die Schweiz in der Rangliste bergab. Vor einem Jahr auf Platz 17 angelangt, wird man bereits in der bevorstehenden Europacup-Saison nur noch vier Vertreter auf internationalem Parkett haben, von denen nur einer in der Champions-League-Qualifikation startet und alle erschwerte Bedingungen vorfinden.

Und wenn die Uefa ihre provisorischen Pläne eines dritten europäischen Wettbewerbs umsetzt, wird sich dies nicht zum Guten ändern: Dann darf zwar der Meister 2021 auf die Königsklasse hoffen, startet aber keiner der übrigen drei Schweizer Teilnehmer in der Europa League, sondern im neuen, geringsten Wettbewerb.


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