Presseschau

Basler Zeitung vom 16.09.2020

Diese FCB-Blase kann rasch platzen

Leitartikel zum Saisonstart

Geht es nach Bernhard Burgener, dann ist für den FC Basel abermals der Meistertitel das Ziel. Bevor die Mannschaft von Ciriaco Sforza aber darum spielt, kann ein einziges Europacup-Spiel bereits einen grossen Schatten werfen.

Valentin Stocker verlängert. Taulant Xhaka verlängert. Ricky van Wolfswinkel verlängert. Beim FC Basel haben sich plötzlich wieder alle lieb und blicken in den Communiqués mit blumigen Worten einer gemeinsamen Zukunft entgegen. Ganz so, wie es Ciriaco Sforza und Bernhard Burgener vormachen: Der neue Trainer will bislang nur Positives und Motiviertes sehen, während der Präsident und Besitzer die Unruhe in den Wochen und Monaten zuvor entweder kleinredet oder deren Ursachen als normale Vorgänge zu verkaufen bemüht ist.

Nun ist es nicht falsch, in Zeiten der Krise - und in dieser steckt der FCB unter Burgener und verschärft durch Corona nach wie vor - Optimismus zu wahren. Alles andere müsste schliesslich tiefgreifende Veränderungen zur Folge haben, zu denen gerade der Präsident nicht bereit scheint. Richtig ist auch, den einen oder anderen Vertrag frühzeitig zu verlängern. Und es ist begrüssenswert, sich - wie geplant - mit seinen kritischen Fans und den Fussballclubs aus der Region zu treffen. Es lässt darauf hoffen, dass bei den Verantwortlichen ein Lernprozess eingesetzt hat.

Doch die jüngsten positiven Nachrichten sind auch Hinweis darauf, wie angespannt die Situation eben ist. Man darf sich ruhig fragen, ob es sinnvoll ist, mit Van Wolfswinkel zu verlängern - und ob das auch geschehen wäre, wenn man zuvor durch das Handling dieses Falles nicht Negativschlagzeilen geschrieben hätte. Und auch, wie man mit Stocker verfahren wäre, hätte es kein öffentlich bekanntes Interesse aus Luzern gegeben. Warum man sich mit Fans und Clubs trifft, bedarf erst gar keiner Interpretation: Burgeners FC Basel braucht gute Neuigkeiten und gibt sich charmant. Alles im Versuch, die Wogen zu glätten und die Gräben zuzuschütten.

Dass dies zum gewünschten Ergebnis führt, ist wenig wahrscheinlich. Zu gross scheint inzwischen Masse und Grad der öffentlichen Ablehnung, zu skeptisch stimmt noch immer die Vergangenheit. Was man mit den Aktionen aber immerhin erreicht hat: Bevor die Saison startet, herrscht zumindest so viel oberflächliche Ruhe, dass Trainer Sforza und seine Spieler sich - anders als zum Ende der vergangenen Spielzeit unter Marcel Koller - auf das Wesentliche konzentrieren können. Das wird auch nötig sein, will man sich dort Goodwill holen, wo es unverändert am wichtigsten ist: auf dem Rasen, wo jeweils 90 Minuten die Gemüter im Umfeld temporär erhitzen oder abkühlen. Und wo Burgener auch nach drei Saisons ohne Goldkübel den Meistertitel als Ziel formuliert.

Noch bevor die Realisierung dieser Wunschvorstellung am Sonntag mit einem Heimspiel gegen Vaduz in Angriff genommen wird, könnte die FCB-Blase des demonstrativen Optimismus und der plötzlichen Minne allerdings platzen. Dann, wenn die Rotblauen in der «Bubble» nach Kroatien reisen und am Donnerstag in Osijek verlieren. Eben noch im Europa-League-Viertelfinal, wäre ihre internationale Saison bereits beendet. Es ist dies eine Ausgangslage, die selbst mit einem Hin- und Rückspiel heikler wäre als alles, was die vergangenen Jahre gebracht haben: Erstmals seit 2012 und der 2. Champions-League-Qualifikationsrunde gegen Flora Tallinn starten die Basler in eine Europacup-Kampagne, bei der sie im Falle eines sofortigen Misserfolgs keine zweite Chance auf anderer Ebene erhalten. Erschwerend hinzu kommt, dass die Vorbereitungszeit für einen neuen Trainer mit nur zwei Wochen minim gewesen ist und Sforza seine Aufgaben bislang ohne Unterstützung eines Sportchefs bewältigen musste.

All das jedoch würde den Schatten kaum schmälern, den ein sofortiges Aus in Osijek wirft. Die Meisterschaft mag Hauptziel sein. Aber ausserordentliche Prämien- und Transfererträge lassen sich primär dank des internationalen Schaufensters erwirtschaften. Auf diese ist der FC Basel in seiner gegenwärtigen Finanzlage mehr denn je angewiesen. Mit Jonas Omlins Transfer zu Montpellier konnte soeben die Liquidität bis Februar verlängert werden. Trotz des Bemühens um Kostensenkung werden die fixen Ausgaben die kalkulierbaren Einnahmen noch immer um einen zweistelligen Millionenbetrag übersteigen.

Auch deshalb nimmt Sforza die Saison mit einer Mannschaft in Angriff, die unter dem Einfluss der finanziellen Zwänge weiter an Substanz (Omlin, Bua, Zhegrova) verloren hat - und bei der er nicht sicher sein kann, dass es bis Mitte Oktober nicht zu weiteren Abgängen (Cömert, Alderete, Widmer) kommt. Dieses Kader ist gut genug, um YB herauszufordern - aber nur im Optimalfall. Dann, wenn alles stimmt und die Berner sich noch einmal so schwertun wie in der vergangenen Saison. Wenn der FCB bis Dezember um den Titel spielt, ist schon viel erreicht. Nicht zuletzt deshalb, weil dann der nächste Jahreskartenverkauf läuft, der in Anbetracht der momentanen Stimmung und der Corona-Massnahmen im Stadion ohnehin zur Herausforderung werden wird.

Den ersten wichtigen Schritt zu einer guten Saison muss der FCB allerdings im Europacup tun. Auch, weil ein Verpassen der Europa League das Fragezeichen dicker macht, das Sforza seit seiner Verpflichtung begleitet. Noch mehr aber, weil sich dadurch seine Aufgabe im nationalen Kerngeschäft erschweren dürfte: Ohne die Aufmerksamkeit und die Millionen, welche die Gruppenphase bringt, wird der Abwanderungswille einiger Spieler zunehmen - genauso wie der Druck auf den FCB zunimmt, weitere Spieler zu verkaufen.


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