Presseschau

Basler Zeitung vom 27.09.2005

«Ich bekam nur Salat zu essen»

Weshalb Teófilo Cubillas beim FCB in einem Monat zehn Kilo abnahm
INTERVIEW: ANDREAS WERZ, Lima

Einst einer der weltbesten Fussballer, gilt der Peruaner Teófilo Cubillas heute in Übersee als lebende Legende.

Teófilo Cubillas’ Wechsel zum FC Basel war 1973 wohl der spektakulärste Transfer im Schweizer Fussball aller Zeiten. Im baz-Interview erinnert sich der 56-Jährige, der gegenwärtig an der U17-WM in Peru weilt, nochmals an sein Engagement in der Schweiz.

baz: Teófilo Cubillas, Ihr Wechsel zum FC Basel war höchst ungewöhnlich: Sie zählten 1973 zu den bekanntesten Fussballern, die Schweiz war damals im Fussball ohne jede Bedeutung. Wie kam es zu Ihrer Verpflichtung?

Teófilo Cubillas: Ich spielte damals mit einer südamerikanischen Auswahl in Basel gegen eine europäische Formation mit Weltstars wie Franz Beckenbauer, Johan Cruyff, Gerd Müller und Eusebio. Wir gewannen dieses von der Unicef organisierte Benefizspiel 3:1 und mir gelangen zwei Tore. Der Basler Ruedi Reisdorf arbeitete damals für die Unicef. Nach dem Spiel fragte er mich, was ich kosten würde, er wolle mich gerne zum FC Basel holen. Ruedi war ein riesiger FCB-Fan.

Was haben Sie ihm geantwortet?

Ich war 24-jährig und als Südamerikas Fussballer des Jahres auch in Europa berühmt. Ich wusste aber nicht, welchen finanziellen Wert ich hatte. Ich habe Reisdorf aus dem Bauch heraus geantwortet, ich würde 100 000 US-Dollar kosten.

Was ist danach geschehen?

Kurze Zeit nach dem Benefizspiel in Basel rief mich Reisdorf an - und zwar aus Lima! Er war, ohne mich vorher informiert zu haben, nach Peru gekommen. Ich war überrascht und hatte zugleich ein mulmiges Gefühl, denn ich wollte Alianza Lima nicht verlassen. Reisdorf jedoch meinte, er sei hier, um dem Verein die vereinbarten 100 000 US-Dollar zu zahlen und mich gleich nach Basel mitzunehmen. Doch ich wollte nicht weg, also bat ich den Präsidenten von Alianza, mich aus dieser ungemütlichen Situation zu befreien. Das versuchte er auch, indem er Reisdorf wissen liess, Cubillas’ Marktwert habe sich in der Zwischenzeit drastisch gesteigert, er betrage nun 300 000 Dollar. Das war für damalige Verhältnisse sehr, sehr viel Geld. Ich dachte, das Kapitel FC Basel sei damit abgeschlossen und Reisdorf würde enttäuscht, vielleicht gar wütend abreisen.

Aber das war nicht der Fall ...

Nein. Zur Überraschung bezahlte er die 300 000 US-Dollar. Wenig später sass ich im Flugzeug in die Schweiz.

Dort blieben Sie nur sechs Monate.

Ich war sehr jung, hatte keine Lebenserfahrung, war weit weg von meiner Familie. Niemand hatte mich nach Basel begleitet, ich kannte die Sprache nicht, habe sie auch nie erlernt. Ich lebte im Haus von Ruedi Reisdorf, der sich rührend um mich kümmerte und mir nur Salat zu essen gab.

Wie bitte?

Ja, er hat mir ausschliesslich Salate aufgetischt. Er meinte, ich müsste gesund leben, eben so, wie es sich für einen professionellen Fussballer gehört. Als ich in Basel angekommen war, wog ich 74 Kilogramm - einen Monat später waren es noch 64! Ich war niemals so schlank wie in der Schweiz. Und ich war damals der einzige Profi beim FC Basel, ich habe täglich zweimal, manchmal gar dreimal trainiert.

Sportlich sind Sie dort aber nicht glücklich geworden.

Nein, überhaupt nicht. Was mir am meisten Probleme bereitet hat, waren die klimatischen Bedingungen. Es war so unglaublich kalt in der Schweiz, ich habe dauernd gefroren, habe mit Pullovern, Mütze und Wärmecreme im Gesicht trainiert und gespielt. Es war grauenhaft. Eines Tages habe ich Reisdorf gesagt, dass ich es in Basel keinen Tag länger mehr aushalte, er solle mich sofort an einen anderen Verein verkaufen. Schliesslich wechselte ich für 400 000 US-Dollar zum FC Porto, wo ich drei Jahre blieb.

Ihre Zeit am Rheinknie war also ein einziger Reinfall?

Keineswegs! Erst in Basel habe ich gelernt, wie ein Profifussballer zu leben hat. Ich habe in der Schweiz auch erfahren, wie wichtig Pünktlichkeit und Disziplin im Leben sind. Ich erinnere mich gut, dass wir mit dem FCB mit dem Zug zu Auswärtsspielen gereist sind. Beim ersten Mal kam ich sieben Minuten zu spät zum vereinbarten Treffpunkt. Ich dachte, dass sei kein Problem, doch ich wusste nicht, dass die Züge in der Schweiz auf die Minute genau abfahren. Als ich im Basler Hauptbahnhof ankam, war der Zug mit der Mannschaft schon weg. Ich blieb wohl oder übel zu Hause. Danach bin ich nie mehr zu spät gekommen. Die Zeit in der Schweiz war enorm wichtig für meinen weiteren Werdegang. Ich erinnere mich gerne an die Schweiz, ein wunderschönes Land.

Seit 26 Jahren leben Sie jedoch in den USA.

Mein Lebensmittelpunkt ist Fort Lauderdale in Florida, dort lebe ich mit meiner Frau, dort leben unsere zwei Söhne und unsere Tochter. Unser ältester Sohn und unsere Tochter heiraten demnächst. Ich kann es kaum erwarten, bald Grossvater zu werden.

Was tun Sie heute?

Ich bin seit jeher mit dem Fussball verbunden, etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen. Ich unterhalte eine Fussballklinik: Dabei reise ich in den USA herum und trainiere 7- bis 16-jährige Mädchen und Burschen von Schulen oder Vereinen. Das macht viel Spass und hält mich jung, manchmal werde ich dabei von meinen beiden Söhnen unterstützt. Zudem bin ich für die Fifa als Berater tätig oder wie gegenwärtig bei der U17-WM hier in Peru Mitglied der Technischen Studiengruppe des Weltfussballverbandes.

Unterhalten Sie noch Kontakt zu Ruedi Reisdorf und Basel?

Selbstverständlich. Ruedi ist ein grossartiger Mensch, dem ich sehr viel zu verdanken habe. Er hat so viel für mich getan, das werde ich ihm nie vergessen. Ich habe nach wie vor Kontakt zu ihm. Ab und zu frage ich ihn, wie es Karl Odermatt geht. Ein toller Fussballer. Und natürlich interessiert mich, wie der FCB spielt. Ich weiss, dass er der beste Club der Schweiz ist und in der Champions League mit Trainer Christian Gross für Furore gesorgt hat. Ach ja, da fällt mir noch etwas ein: Reisdorf hat mit mir damals ja 100 000 US-Dollar verdient, als er mich an den FC Porto verkaufte. Wissen Sie, was er mit diesem Reingewinn gemacht hat?

Nein, erzählen Sie bitte!

Er hat die Hälfte für sich genommen und die anderen 50 000 US-Dollar auf ein Schweizer Sperrkonto hinterlegt. Er hat mir damals gesagt, dass ich dieses Geld bekäme, allerdings erst, wenn ich dereinst eine eigene Familie gegründet hätte. Dieses Geld sei dann für die Ausbildung meiner Kinder bestimmt. Ich habe das Geld später, mit Zinsen, tatsächlich erhalten und auch für die Ausbildung meiner Kinder verwendet.


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