Presseschau

Die Weltwoche vom 25.09.2008

Die Spielmacherin

Von Franziska K. Müller und Vera Hartmann (Bild)

Wilde Entschlossenheit braucht weder Lob noch Tadel. Das wusste Gigi Oeri bereits als Kind. Damals wollte sie «Königin der Schweiz» werden. Heute ist sie immerhin die mächtigste Frau im Schweizer Fussball.

An anderen Tagen sind die Absätze hoch und der Rocksaum kurz. Heute trägt sie flache Mädchenschuhe und weisse Hosen. Winzig klein ist Gigi Oeri und zierlich wie ein Kind. Sie sitzt in ihrem Puppenmuseum in Basel und trinkt Tee. Im Leben der Teddybärenfamilien hinter Glas geht es sittsam zu: Der Nachwuchs sitzt in der Schule und lauscht den Worten der Lehrerin. Wenn der Vater von der Arbeit nach Hause kommt, legt ihm die Mutter die Pantoffeln vor die Füsse. Am Abend lesen oder musizieren alle zusammen.

Ob den Kindern das biedere Idyll zusagt, wissen wir nicht. Gigi Oeri weist mit betrübter Miene in Richtung Barfüsserplatz: Ob das denn besser sei, fragt sie rhetorisch. Dort draussen essen sie Fastfood, fahren Skateboard, heben den Gettoblaster in die Luft. Einer trägt ein rot-blaues Leibchen, die Farben des FC Basel. Frau Oeri lächelt jetzt.

Mit der Inszenierung putziger Traumwelten in Miniaturformat vertrieb sie sich einst die Zeit. Das Gemütliche will mittlerweile nicht mehr zu Frau Oeri passen. Der Terminkalender ist gedrängt. Zu Hause ist sie nur noch selten, und eilt sie in Tokio durch die Strassen, wird sie auch dort angesprochen: «Hello Miss Gigi, you are great.» Seit die heute 52-Jährige den Fussball-Club Basel (FCB) Ende der neunziger Jahre mit Bankengarantien, Geld und Eigensinn zu unterstützen begann, verläuft sein Aufstieg kontinuierlich. Vier Meistertitel, ebenso viele Cup-Erfolge und jetzt die erneute Teilnahme an der Champions League: Ein Anflug von Triumph erhellt das schmale Gesicht.

Böse Kritik begleitete ihren Werdegang zur «mächtigsten Frau im europäischen Fussball» (Sat 1). Die «Präsidentin aus Leidenschaft» (Hamburger Abendblatt) zieht die Augenbrauen hoch. Sie tut, als könne sie sich nicht erinnern. Am Anfang wusste man nicht viel von ihr. Und trotzdem war es offenbar genug. Eine exzentrische Milliardärin. Eine, die sich in den feinen Basler Daig eingeheiratet hat. Die sich den Klub als beiläufiges Hobby leisten kann. Die nichts von Fussball versteht. Und dann diese Kleider. Diese Frisur. Die ist schnell wieder weg vom Fenster.

Als sie vor neun Jahren aus dem Nichts auftauchte, stand der vielfache Schweizer Meister vor dem Konkurs. Karl Odermatt, der grösste Star, den der FCB je hatte, ist seit über vierzig Jahren mit dem Schicksal des Clubs verbunden. Eine «Heldin», einen «weiblichen Messias» gar, nennt er Frau Oeri. Und als Steigerung: eine Sportlerin. «Die rappelt sich nach einem Foul wieder auf und rennt einfach weiter.» Und ja, sie habe in den vergangenen Jahren auch gelernt, hart auszuteilen. «Ich kannte die Fussballregeln und wollte mich nicht mit einer Statistenrolle begnügen», sagt sie über ihre Ausgangslage. Und: «Ich sah mich weder als Goldesel noch als Wohltäterin.» Sonst würde sie auf dem Rathausplatz stehen und Hunderternötli an Fremde verteilen. In den Anfangsjahren verpasste sie kein Training, kein Spiel, keine Besprechung. Mittlerweile haben sich Christian Gross und seine Spieler daran gewöhnt, dass die Chefin an den Mannschaftssitzungen teilnimmt. 2001 kaufte sie das Aktienpaket der UBS und war nun die erste Frau in Europa mit einem eigenen Fussballklub.

Sagt sie nein, kommen von der sportlichen Leitung gewünschte Transfers nicht zustande. Runzeln andere Funktionäre die Stirn, springt sie trotzdem zu den Spielern in den Whirlpool. Widerstände, weil sie eine Frau ist? Hat Gigi Oeri nach eigenem Bekunden keine erfahren. Die Spieler und auch die Funktionäre legten der Chefin auf dem Weg nach oben – wohlweislich – keine Steine in den Weg. Zudem: «Wer mit Rössern umgehen kann, kann auch mit Fussballern umgehen», glaubt die Pferdekennerin.

Gisela Trefzer aus Schopfheim

«Sie schart keine schwachen Figuren um sich und hat eine eigene Art zu führen», sagt der FCB-Trainer Gross. «Er aber auch», antwortet Oeri. Diese zwei Sätze sind ungefähr das Böseste, was über das dynamische Verhältnis der beiden an die Öffentlichkeit gelangt. Von einer Führungskrise war zwischendurch die Rede; die dominante Geldgeberin sei machtbewusst, könne nachtragend sein, dulde keinen Widerspruch. «Ich bin eine nette Chefin, der Konsens liegt mir durchaus am Herzen», findet sie selbst. Karl Odermatt sagt: «Ihre Entscheidungen stiessen in der Öffentlichkeit nicht immer auf Gegenliebe. Im Nachhinein erwiesen sie sich aber als richtig, wie der Erfolg beweist.»

Seit zwei Jahren hält sie offiziell das Präsidentenamt inne. Frau Oeri erarbeitete sich den Ruf, mitleidlos zu kalkulieren. Die Grundsätze des profitablen Wirtschaftens formuliert sie so: «Zum Beispiel versuche ich alle guten Spieler zu halten. Klappt das nicht, versuche ich wenigstens, einen guten Verkaufspreis zu erzielen.» Als Mehrheitsaktionärin besitzt sie faktisch fast alle Spielerrechte. Allein die Transfer-Erlöse werden in diesem Jahr viele Millionen Franken betragen. Doch was geschieht, wenn sich die Chefin – sie agiert auch als Defizitgarantie – eines Tages zurückzieht? «Wenn ich gehe, dann wird der Club in bester Verfassung dastehen und meine Dienste nicht mehr benötigen.»

Zumindest die nahe Zukunft sieht glänzend aus: Der FCB rechne in diesem Jahr mit einem operativen Gewinn von gegen zehn Millionen Franken, sagt Mediensprecher Josef Zindel. Die TV-Übertragungs-Rechte der diesjährigen Uefa-Champions-League spülen Millionen in die Kassen. Neustens geht es bei der Kritik an Gigi Oeri nicht mehr um Solariumbräune und Frisur. «Sie ist keine Mäzenin, sondern eine gerissene Geschäftsfrau», schrieb die Westschweizer Wirtschaftszeitung Bilan kürzlich mit vorwurfsvollem Unterton. «Ein tolles Kompliment», strahlt Oeri.

Vom ehrgeizigen Kind zur Bademeisterin, später Milliardärsgattin, Museumsbesitzerin und mächtige Fussball-Chefin: Ihr Werdegang verlief nicht frei von Brüchen und Umwegen. «Ich arbeitete all die Jahre darauf hin, eines Tages etwas Grossartiges zu leisten», beschreibt Frau Oeri ihre Karriereplanung. Mit schlechten Karten kam sie vor dreissig Jahren nach Basel. Ein wichtiger Grundsatz im feinen Basler Daig lautet: Es wird nicht gefragt, was ein Neuzuzüger hat, sondern woher er stammt.

Die Antwort fiel im Fall der Gisela Trefzer ungünstig aus. Geboren in Schopfheim, einer stagnierenden Kleinstadt im Landkreis Lörrach, verbrachte sie ihre Kindheit im Grenzstädtchen Bad Säckingen. Es gibt dort ein Trompetenmuseum und ein Blasorchester. Unter dem Begriff kulturelle Aktivitäten werden die Veranstaltungen im Kursaal und ein Musical genannt. Die Schulkameraden wollten Krankenschwester, Mechaniker, Verkäuferin werden. Nach ihren Berufswünschen befragt, antwortete Oeri: «Königin der Schweiz». Ihre Eltern waren genügsame Leute, die dem Leben nicht mehr abtrotzten, als es von sich aus hergab. Man lebte wie alle anderen: Alle zwei Jahre neue Schuhe, das Salatsieb hing in der Küche stets am selben Platz, die Väter bekamen die grössten Fleischstücke serviert.

Sie sagt: «Wir waren ordentlich und in jeder Hinsicht unauffällig.» Doch die kleine Gigi – extrovertiert und ehrgeizig – setzte dem schläfrigen Mittelmass früh ein Talent entgegen. Noch nie fiel irgendwer in der Familie durch eine spezielle Begabung, geschweige denn durch eisernen Leistungswillen auf. Tausend Stunden Training machten aus dem drahtigen Mädchen eine erfolgreiche Kunstturnerin. Es schwebte in schillernden Kostümen über den Barren, wirbelte über den Rücken des Pauschenpferds, drehte auf den Kunststoffmatten Pirouetten.

«Die Eltern trieben mich nicht an. Sie sahen auch nicht, mit welchem Kraftaufwand die Sportart verbunden ist», erinnert sie sich. Wilde Entschlossenheit braucht weder Lob noch Tadel, das realisierte sie damals. Die Einsamkeit als Einzelkämpferin habe sie geliebt. In Sekundenschnelle musste sie entscheiden, ob sie eine einfache oder doppelte Schraube drehen wollte. Wenn dies misslang, weil sie ihre Kräfte falsch eingeschätzt hatte, trug sie die Konsequenzen allein. «Seither mache ich alles zuerst für mich und in zweiter Linie gegen die anderen.» Die Einsicht, es nicht dorthin zu schaffen, wo sie unbedingt hinwollte – an die internationale Spitze , beendete die Sportkarriere in jungen Jahren. Aber nicht ihre Ambitionen, Aussergewöhnliches zu leisten.

Als sie Mitte der siebziger Jahre Bekanntschaft mit dem Orthopäden Andreas Oeri macht, untersucht er Hammerzehen. Sie bildet sich an der gleichen Klinik zur Physiotherapeutin weiter, er ist ihr Anatomielehrer. «Was mir an ihm gefiel, war seine Toleranz: mir gegenüber.»

Ein introvertierter Mann und eine aufgekratzte 20-Jährige prallen aufeinander. Sie verlieben sich. Sie zieht zu ihm. Nach Kleinbasel. In eine Blockwohnung an der Gellertstrasse. «Andreas trug abgewetzte Kordhosen», erinnert sich Oeri, «die gekürzten Säume der Hosenbeine waren mit Bostitches befestigt.» Dass er ein Erbe aus der Pharmadynastie Hoffmann-La Roche ist und damit unermesslich reich, habe sie nicht realisiert. Man glaubt ihr aufs Wort. Ihr zukünftiger Mann war in jüngeren Jahren Poch-Sympathisant, für einen verschwenderischen Lebensstil hatte er nichts übrig. Die junge Ehefrau mauserte sich allerdings bald zur exzentrischen Erscheinung, die grössere Wegstrecken mit einem Privatjet zurücklegte. Das fand die distinguierte Verwandtschaft stillos.

Sparsame und arbeitsame Milliardäre

Die obsessiv gepflegte Bescheidenheit hat in der reichen Gesellschaft am Rheinknie Tradition. Michael Schindhelm, ehemaliger Intendant am Theater Basel, sagt: «Das angestrebte Understatement folgt Hunderten von undurchschaubaren Kodexen: Wer per Geburt nicht dazugehört, ist nach zwei Sekunden enttarnt.» Die Angehörigen des Daigs beschreibt er folgendermassen: «Sie sind der Exzentrik verpflichtet. Einer Exzentrik, die von sich selbst glaubt, jede Auffälligkeit zu vermeiden.»

Die Vorfahren von Andreas Oeri gingen mit einem alten Papiersack in der Migros einkaufen, so die Legende. Heute sorge die Lancierung kostengünstiger Budget-Linien bei den jüngeren Familienmitgliedern für Begeisterung, sagt ein Insider. Er bezeichnet die Sparsamkeit der Milliardäre schlicht als Geiz. Während andere Schweizer Erben hemmungsfrei protzen und prassen, sind die Nachkommen der Sarasins, Vischers, Merians und Oeris nicht nur sparsam, sondern auch arbeitsam. Die ausgeschüttete Dividende von 100 Millionen Franken, die das Pharmaunternehmen Roche den Beteiligten des Erbenpools jährlich auszahlt, änderte nichts daran, dass sich Gigi Oeris Schwägerin Catherine jahrelang als Fusspflegerin einen Batzen dazuverdiente.

Die Präsidentin sagt: «Um Geld geht es bei den beruflichen Aktivitäten meiner Verwandten nicht. Aber jeder Mensch braucht eine Aufgabe, eine Herausforderung.» In ihrer Freizeit zeigte Catherine Oeri, die Schwester von Andreas, der Stadt, was unaufgeregte Gastfreundschaft bedeutet. Bereits ihre Mutter lud einmal pro Jahr zum Eingänger in die St.-Alban-Vorstadt ein. Serviert wurden den handverlesenen Gästen zu Brei zerstampfte Hülsenfrüchte. Der Anlass ging unter dem Begiff «Erbsmues-Essen» in die Annalen des Daigs ein. Tochter Catherine führte diese Tradition weiter: Es werden selbstgebackene Brotsorten gereicht.

In dieses Milieu geriet die junge Gigi Ende der siebziger Jahre. Über die Familie spricht sie nur ungern, spärlich sind die Informationen, die sie preisgibt. An das erste Treffen mit der Schwiegermutter Vera Oeri erinnert sie sich – es fand Monate nach der Heirat statt. Der Umgang war freundlich und blieb unverbindlich. Kontakt mit anderen Familienmitgliedern? Unregelmässig – aus Zeitgründen. «Wenn ich damals an Reichtum dachte, kam mir Freiheit in den Sinn», sagt Frau Oeri. Heute weiss sie: «Viel Geld bedeutet vor allem Verpflichtung. Auch jenen gegenüber, die weniger haben.»

Im Grunde genommen hätte sie in Bad Säckingen bleiben können. Trotz des vielen Geldes waren die Chancen, etwas Grossartiges zu leisten, schlechter als je zuvor. Bei manchen Eingeheirateten verwandeln sich zweifelhaftes Stilgefühl, der Hang zur Selbstdarstellung und die Geschwätzigkeit im Verlaufe der Zeit – und im besten Fall – in graues Understatement. Natürlich könnten die Eingeheirateten auch mit kulturellem und philanthropischem Engagement den Ruf des Familienclans mehren. Theoretisch. Doch diese Tätigkeiten bleiben den direkten Nachfahren vorbehalten.

Nicht jeder ist ein Paul Sacher. Der zweite Mann von Maja Sacher-Hoffmann, der Grossmutter von Andreas, machte sich als Dirigent, Charmeur und Despot einen Namen und gab auch innerhalb der Familie den Takt an. Andere Eingeheiratete, die nicht über die Qualitäten und das Selbstbewusstsein eines Genies verfügen, verschwinden diskret in der Versenkung. Dort richten sie am wenigsten Schaden an. Gigi Oeri will das für sich nicht gelten lassen: «Die Häuslichkeit und die Zweisamkeit mit meinem Mann waren mir damals ein Bedürfnis.»

Basler Hang zum Selbsthass

Viele Ehejahre verbrachte die Milliardärsgattin auf dem Tennisplatz. Sie bewirtschaftete einen Bauernhof und sammelte Teddybären. Der bekannte Basler Kolumnist -minu kennt die Oeris und die Hoffmanns seit vielen Jahrzehnten. Die Akzeptanz im Daig sei Gigi Oeri zwar verwehrt geblieben, aber das habe sie auch nie interessiert. «Sie war darauf bedacht, die Familie nicht mit unpassendem Verhalten zu verletzen, liess sich aber nie vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen hat.» Von einer Aussenseiterrolle könne keine Rede sein. Eine andere Quelle besagt, dass Gigi Oeri die «Halbseidene» genannt wurde und bei den Roche-Aktionärsversammlungen allein in der hintersten Reihe sass, während die echten Oeris und Hoffmanns im vordersten Rang geschlossene Einheit demonstrierten. Familienoberhaupt Paul – er hielt Investitionen in volksnahe Aktivitäten für unwürdig und hasste insbesondere den Fussball – verstarb 1999. Im selben Jahr erwachte Gigi Oeri aus dem Dornröschenschlaf, der im Nachhinein wie eine Totenstarre anmutet.

Sie besuchte damals einen Anlass des feinen Basler Lions Club. Die Stimmung war mies, die Zukunft des Fussballklubs ungewiss. Michael Schindhelm erinnert sich: «Die ganze Stadt war depressiv. Am Verhältnis der Basler zum FCB erkannte ich damals ihren Hang zum Selbsthass und später ihre Fähigkeit, eine – für Schweizer Verhältnisse – extrem selbstbewusste Gesellschaft zu verkörpern.» Gigi Oeri erkannte in der misslichen Lage des Vereins eine glänzende Gelegenheit, dem wohltätigen und kulturellen Wirken der übrigen Familienmitglieder etwas Eigenes entgegenzusetzen.

Im Verlauf der Jahre bestätigte sich das damalige Gefühl: «Der FCB ist mehr als ein Fussballklub, er ist eine kulturelle Institu-tion.» Der Rest sei Geschichte, sagt Gigi Oeri und blickt auf die brillantbesetzte Uhr. Sie spricht jetzt schnelle Sätze, knapp und klar. Die soeben kassierte Niederlage in der Champions League gegen den ukrainischen Meister Schachtar Donezk? Noch sei nichts verloren, und ihre Mannschaft bleibe eine hocherfreuliche Sensation. Das fänden mittlerweile auch die echten Oeris und der übrige Daig, behauptet die Präsidentin. Tatsächlich kommt es heute vor, dass die Mitglieder der feinen Gesellschaft in der Konzertpause ihr iPhone einschalten, um den Spielstand eines FCB-Matches zu erfahren.

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